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Moment-aufnahmen

aus dem Buch
meines Lebens

Khalil Gibran - Von der Liebe

Spiegelmomente

Sonstiges ·

Spiegelmomente

Unter einem Baum liegend, genoss ich die Stille. Gespannt betrachtete ich die Wolken,
wie sie am Himmel vorüber zogen, zeitgleich hörte ich die Vögel, wie sie sich einander
ein Liebeslied zwitscherten. Dann schloss ich die Augen, atmete die Stille tief ein und aus.
In diesem still sein traute ich weder meinen Ohren, noch dem, was sich mir zeigte.

„Schön, dass du da bist“, hörte ich eine bezaubernde und sanfte Stimme leise in mein
Ohr flüstern und sah ein Wesen in engelhafter Gestalt. So reinlich und zart dessen Dasein
auf mich wirkte, dass ich im Nu meine Augen aufschlug und um mich schaute.
Doch nichts, rein nichts war zu sehen.
„Wo bist du so schnell hin?“, fragte ich neugierig,
aber erhielt keine Antwort.

Meine Augen wieder geschlossen, tauchte ich erneut in diese Stille, die ich genüsslich ein und ausatmete.
„Oh, du bist ja wieder da“, vernahm ich diese unbekannte Stimme und des Wesens Schritte näherten sich
mir, bis es mich liebevoll in seine Arme schloss. Dieses Mal blieb ich und hielt inne. Es war ein so vertrautes
und zugleich seltsames Gefühl. Aber auch nur, weil ich es nicht kannte.

„Wer bist du?“, fragte ich, doch das Wesen lächelte nur und strich sanft mein zartes Haar zur Seite und gab
auf meine Stirn ein Kuss.
„Wie Herz allerliebst du bist. Verrate mir doch wer du bist? Bitte!“, flehte ich, doch auch dieses Mal antwortete
es nur mit einem Lächeln.

Allmählich wurde ich ungeduldig, legte seine Hand zur Seite und setzte mich aufrecht, mit verschränkten
Armen hin. Mein Blick von ihm abgewandt.
„Siehst du, dass tust du immer. Wenn ich mich erkenntlich zeige, wendest du dich von mir ab.
Gebe ich keine Antwort, verlierst du dich in einer Welt voller Illusionen. Gebe ich Antwort, glaubst
du mir nicht. Was willst du denn?“
„Ich will wissen, wer du bist. Wie soll ich jemandem vertrauen, den ich nicht kenne?"

Wortlos hielt dieses bezaubernde Wesen mir einen Spiegel entgegen. So schnell konnte ich nicht sehen,
war es auch wieder verschwunden.
„Halt! Stopp! Wo willst du denn schon wieder hin?“, rief ich,
„Wer verdammt noch mal, wer bist du?“
Doch nichts passierte. Keine Antwort, nichts.

Nun saß ich da, mein Blick getrübt, den Spiegel in meinen Händen haltend und außer acht gelassen.
Eine Weile verging. Nicht nur Tage, sondern Wochen, gar viele Jahre. Es schien mir, als wäre das
Leben an mir vorbei gegangen. Quälend die Frage nach Jahrzehnten, wer dieses Wesen aus vergangenen
Tagen her war. Eine Antwort erhielt ich nie.

Plötzlich überkam mich ein Windhauch, der mich auf nackter Haut berührte. Zeitgleich hatte ich das
Bedürfnis und den tiefen Wunsch in den Spiegel zu sehen, den ich all die Jahre aus Angst unbeachtet
ließ. Dieser Moment, indem ich mich darin sah, berührte mich so sehr, dass ich begann zu weinen.
Tränen, unzählige Tränen liefen meine Wangen hinab. Je mehr ich diese befreiende Flüssigkeit fließen ließ,
umso mehr erkannte ich.

Das bezaubernde Wesen, dessen Antwort all die Jahre Schweigen war, unterbrach ich an dieser Stelle.
Eine Antwort, die ich mir auf einmal selbst gab.
„Wer bist du?“, die Antwort mich im Spiegel erwartete,
als ich endlich den Mut hatte in ihn hinein zu blicken.

Letzte Änderung: 18. Oktober 2016 07:29
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