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Bundestag erinnert in Gedenkstunde an den Holocaust

Gedenkstunde im Bundestag
Gedenkstunde im Bundestag
Reich-Ranicki berichtet über Warschauer Ghetto

Der Bundestag hat in seiner traditionellen Gedenkstunde an die Millionen Opfer des Holocausts erinnert. Als Hauptredner berichtete der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki aus seiner Zeit im Warschauer Ghetto. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) sagte, die jüngst aufgedeckte Mordserie von Neonazis verpflichte die Deutschen, sich weiter mutig und engagiert gegen Formen des Rechtsextremismus zu stellen.

Der Holocaust ermahne dazu, dass in Deutschland alle Menschen frei und ohne Angst leben können müssten, sagte Lammert. "Die vergangenen Wochen und Monate mit der Aufdeckung einer beispiellosen Mordserie haben uns allerdings wieder vor Augen geführt, dass wir dieses Ziel noch nicht erreicht haben."

Reich-Ranicki
Reich-Ranicki

Reich-Ranicki schilderte in seiner bewegenden Rede, wie er als Protokollant einer Sitzung im Warschauer Ghetto beiwohnte, mit der die Deportation tausender Juden ins Vernichtungslager Treblinka eingeleitet wurde. "An den beiden zum Konferenzraum führenden Türen waren Wachtposten aufgestellt", berichtete der 91-Jährige. "Sie hatten, glaube ich, nur eine einzige Aufgabe: Furcht und Schrecken zu verbreiten."

Gedenkstunde im Bundestag
Gedenkstunde im Bundestag

Die in den Vormittagsstunden des 22. Juli 1942 begonnene Deportation der Juden aus Warschau nach Treblinka habe bis Mitte September gedauert, schilderte Reich-Ranicki. Der damalige SS-Sturmbannführer habe die sogenannte Umsiedlung der Juden aus dem Ghetto heraus mit den Worten begründet: "Es ist euch ja bekannt, dass es hier zu viel Juden gibt." Was die "Umsiedlung" der Juden genannt worden sei, sei in Wirklichkeit die Aussiedlung aus Warschau gewesen, fügte Reich-Ranicki hinzu. "Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod." Auch Reich-Ranickis Eltern waren in Treblinka ermordet worden.

An der Veranstaltung nehmen auch Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle und weitere Repräsentanten von Staatsorganen sowie von Opferverbänden teil. Der Gedenktag erinnert an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945.

Der Generalsekretär des Zentralrates der Juden, Stephan Kramer, warnte davor, das Gedenken an den Holocaust zu einem "kalten Ritual" verkümmern zu lassen. Vielmehr müssten "die Herzen der Menschen und der zukünftigen Generationen erreicht werden", sagte er dem Sender NDR Info. Es gehe nicht darum, einen Schuldkomplex weiterzutragen, sondern Verantwortung zu transportieren, so Kramer.

Der Holocaust-Gedenktag ermahne dazu, dass sich ein derartiges Verbrechen niemals wiederholen dürfe, erklärte Bundesaußenminister Guido Westerwelle. "Dass Deutschland wieder ein anerkanntes Mitglied der Völkergemeinschaft geworden ist, empfinde ich als ein großes Glück."

Anlässlich des Holocaust-Gedenktags entschuldigte sich der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg offiziell für die Deportation hunderter Juden während des Zweiten Weltkriegs in seinem Land. "Es ist an der Zeit anzuerkennen, dass Polizisten und andere Norweger sich an den Festnahmen und Deportationen von Juden beteiligt haben", sagte er im Hafen der Hauptstadt Oslo. Von dort waren in der Nazizeit 532 Juden an Bord des Frachtschiffs "SS Donau" in Konzentrationslager gebracht worden.

Auch in Warschau gedachten Menschen den verfolgten Juden. "Dieser Ort bleibt eine Wunde in der Seele Europas und der Welt", sagte Polens Präsident Bronislaw Komorowski bei der Gedenkstunde in Auschwitz. Die Teilnehmer der Zeremonie gedachten auch mit einer Schweigeminute des Gründers und langjährigen Direktors des Museums in Auschwitz, Kazmierz Smolen, der kurz zuvor im Alter von 91 Jahren verstorben war.

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