Heute auf dem Heimweg war ein Kurierfahrer der Meinung, er müsste mich ein bissl nerven. Auffahren und so. Man kennt das ja. Das ganze innerorts. Ich bin schon siebzig gefahren, aber der Typ musst mir ja so richtig auffahren, weil ich ihm anscheinend immer noch zu langsam war. Ich hab dann mal auf fünfzig abgebremst - gehört sich ja so - was der Klonko mit seinem Mittelfinger kommentiert hat. Nur gut, dass auf den Transportern immer ganz groß der Name der Firma (GO!) steht, für die solche Vollidioten fahren. Da musst ich der Firma doch glatt eine Mail schreiben. Bin mal gespannt, was für ne Antwort kommt. Hier die Mail:
Schönen guten Tag!
GO! Seit gerade eben weiß ich, dass dieser Name bei Ihrer Firma nicht zu viel verspricht. Denn gerade eben hatte ich eine Begegnung mit einem Ihrer Fahrzeuge. Oder haben Sie vielleicht nur eines? Das würde dann schon einiges erklären. Zum Beispiel, warum Ihre Fahrer (Oder haben Sie nur den einen? Würde auch wieder so einiges erklären. Den Zeitdruck zum Beispiel, unter dem Ihre Fahrer/Ihr Fahrer offensichtlich stehen/steht.) mit „leicht“ überhöhter Geschwindigkeit durch die Gegend rasen. Jetzt ist das so, dass ich auch nicht unbedingt jemand bin, der innerorts gaaanz genau fünfzig fährt. Nein, ich gebe es ja zu, ich fahre auch ein bisschen schneller. So ungefähr siebzig waren es gerade. Schnell genug, sollte man meinen. Aber für Ihren Fahrer scheinbar noch vieeeeel zu langsam, denn anders kann ich es mir nicht erklären, dass plötzlich ein Fahrzeug mit einem großen GO! auf der Seite formatfüllend in meinem Rückspiegel auftauchte. Wie nah? Nun, ich hatte keine größeren Probleme dabei, die Bartstoppeln des Fahrers zu zählen. Das Kennzeichen – und das ist das Glück, dass Ihr Fahrer in dem Moment völlig unrechtmäßig hatte – konnte ich nicht mehr erkennen. Gut, man kennt das ja mit den Transportern und den Logistikunternehmen. Rasen wie die Blöden durch die Gegend, nötigen andere Autofahrer. Was solls, man kann sich damit ja arrangieren. Bei mir meldet sich in solchen Situationen immer mein Gewissen. Das zwingt mich dann einfach dazu, mich ganz exakt an die erlaubte Geschwindigkeit zu halten. Das war auch dieses Mal der Fall. Also hab ich mein Auto auf fünfzig Stundenkilometer abgebremst. Nein, nicht schlagartig (ich brauch meinen Kofferraum ja noch), sondern ganz sanft, damit der liebe GO!-Typ hinter mir auch noch eine Chance zum Reagieren hat. Die Chance hat er dann auch genutzt, er ist mir nicht hinten rein gefahren. Bei einem Blick in meinen Rückspiegel wollte ich mich davon überzeugen, ob mein Bremsen was gebracht hat. Diesesmal konnte ich die Bartstoppeln nicht mehr zählen. Das lag aber nicht daran, dass Ihr Fahrer jetzt etwa genügend Abstand gehalten hat. Nein, das lag daran, dass mir sein ausgestreckter Mittelfinger die Sicht auf die Bartstoppeln genommen hat. Deshalb möchte ich Ihnen jetzt ganz herzlich zu Ihrem tollen und überaus freundlichem Mitarbeiter gratulieren, der mit viel Glück einer Anzeige entgangen ist, weil ich, wie schon erwähnt, das Kennzeichen nicht gesehen habe. Gut, Ort und Zeit des Vorfalls hab ich ja, es sollte deshalb nicht wirklich ein Problem darstellen, rauszufinden, wer gefahren ist. Für Sie nicht, aber wohl auch nicht für die Polizei, die sich dann ja an Sie wenden würde. Ich bin nicht der Typ, der gleich nach der Polizei schreit. Und ich habe das auch in diesem Fall nicht vor. Allerdings würde ich Sie bitten, diesen Fahrer doch einfach mal darauf hinzuweisen, was sich gehört und was nicht. Und vielleicht, aber nur vielleicht und falls man ihm das zumuten kann, könnte man ihm ja nahelegen, sich – muss nicht persönlich sein, Sie können es mir auch ausrichten, meine E-Mail-Adresse haben Sie ja jetzt- bei mir zu entschuldigen. Aber ehrlich gesagt glaube ich daran nicht wirklich. So viel Realist steckt dann schon noch in mir. Sollte ich irgendwann einmal in die Verlegenheit kommen und ein Logistikunternehmen wie das Ihre benötigen, können Sie sicher sein, dass ich mich nicht an Sie wenden werde.
So, und damit Sie auch rausfinden können, welcher Fahrer gemeint ist, hier noch kurz Ort und Zeit der Begegnung mit dem Mittelfinger der Firma GO!:
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Weil ich, im Gegensatz zu Teilen Ihres Personals, noch weiß, was sich gehört und meine Eltern mir ein gewisses Maß an Manieren mit auf den Weg gegeben haben, wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag und viel Erfolg mit den erzieherischen Maßnahmen bei Ihrem Fahrer.

