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29. November 2016

Sonstiges ·

"Elitäre" Störer

Begegnung der gelben Art

Mit Pikachu gegen den Rest der Welt: Am Montag störte eine aggressive Jugendgruppe eine Veranstaltung unseres SPIN-Kolumnisten General Rauhbein. Hier berichtet er von dem Zwischenfall - und darüber, was er dabei über den neuen Feind lernte.

Am vergangenen Montag organisierte ich im Berliner Sportpalast ein Battlefield-Turnier, das von youtube live übertragen wurde.
Horst "Multikill" Horstmannskötter war zu Gast, der frühere Champion. Wir sprachen über die Politisierung der Religion, aber nur kurz, schließlich waren wir nicht zum Vergnügen dort. Horst war bei der Fadenkreuzanpassung ("Am besten rot. Grün und blau gehen aber auch, auf keinen Fall gelb!") angekommen. Er sagte, ihm sei jedes Mittel recht, den gegnerischen Spieler zu demütigen, Cheats lehne er aber aus Prinzip ab. Da rief ein Männchen im Saal "Heuchler", und plötzlich skandierte ein Chor immer wieder dieses Wort: "Heuchler."
Zwei Reihen im Publikum erhoben sich, Schilder wurden gereckt, Fäuste geballt, Parolen gebrüllt. Aber das waren lauter nett aussehende, adrette junge Leute in Pokémon-Kostümen. Sie hielten ordentlich ihre Schilder. Sie brüllten ordentlich. Und als man sie des Saales verwies, schlurften sie ordentlich in Richtung des nächsten Lockmoduls davon. Darf ich vorstellen: die "Elitäre Bewegung", unsere neuen Progamer.
Die "Elitären" haben ihre Wurzeln in Japan, genauer gesagt: in der Zentrale von Nintendo, und seit einiger Zeit gibt es sie auch in Deutschland. Der Präsident des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen nannte die Gruppe vor ein paar Tagen noch eine "virtuelle Erscheinungsform der Daddelextremisten" mit "bislang wenig Realweltbezug und a bissl gaga im Kopf". Das hat sich geändert. Es ist ja eine echte Revolution im Gange, und die kann solche Schweißfußtruppen gut gebrauchen.
In seinem "Rattfetzkymarsch" reimte Bert Brecht: "Sie tragen ein Rattfatz voran auf blutroten Flaggen / Das hat für Progamer nen großen Haken." In den Sportpalast hatten die "Elitären" auch ihren Haken (jap. Haiku) mitgebracht, gelb auf schwarzem Grund, das japanische Fabelwesen Pikachu. Es hat Triefaugen, ist extrem gefräßig und stammt aus dem Film "300", allerdings ist es nur ganz selten im Bild, typisch Pokémon halt. Die Japaner, die im Abwehrkampf gegen die österreichischen Horden ihr Leben gaben, trugen dieses Zeichen auf ihren Schilden. Das ist insofern bemerkenswert, als es gerade Progaming und esport sind, gegen die sie sich wehren. Aber gegen die Macht der Popkultur ist kein Rotkraut gewachsen, auch kein gelbes.
Horst und ich selbst waren nicht durch Zufall das Ziel der Aktion. Im Netz schreiben die Sammelfaschisten, Horstmannskötter und Rauhbein seien, "diejenigen, die einer Egoshootergesellschaft das Wort reden und dem Großen Austausch so den Weg versperrten". Der "Große Austausch", die Wunschvision der "Pokéhontas": Die Gamerszene wird durch eine neue, smartphoneaffine ersetzt. Nintendo als alleiniger Sponsor.

K/D, Headshots, Capture the Flag sind des Teufels

Ich habe die "Elitären" Doofis genannt. Man muss mit dem Wort vorsichtig sein. Es sind nicht alle, die eine andere Meinung haben, Doofis. Aber hier trifft es zu. Diese Leute predigen weder Eroberungskrieg noch Team Deathmatch. Schade! Ihre Ideologie heißt "Fang' sie alle!". Jeder Nerd hat ein Recht auf sein eigenes Game - solange es darum geht, kleine, niedliche Knuddelmonster zu sammeln. K/D, Headshots und Capture the Flag sind des Teufels. Das Wort "Pikachu" erinnert nicht umsonst an Haiku (türk. Hakan) und Hashiwokakero, was natürlich vollkommener Quatsch ist. Egal: So fesch sich diese "Elitären" geben, so alt ist ihr Denken. Es sind junge Kacknoobs, die da demonstrieren.
Sie träumen den Traum eines modernen Daddelns und der Abspaltung Tirols. Ihre Helden sitzen auf Parkbänken und in Ungarn. Warum? Weiß kein Mensch. Wenn sie unter sich sind, in ihren Zeitschriften, im Netz, an ihren Pokéstops auf den Burgen und Schlössern ihrer vermögenden Förderer, geben sie sich ihren Allmachtsfantasien hin, ihren Visionen von der "Reconquista", der Befreiung des Landes von First Person Optik und realistischer Grafik. Am Ende aber läuft es schlicht auf die Ausschaltung des Gegners hinaus - vor allem diejenigen, die Pokémon:GO (steht für 'Global Offensive') gar nicht erst installiert haben.
Ich bin nicht sicher, ob ich es als Kompliment auffassen soll, dass ich in den Plänen der "Elitären" namentlich erwähnt werde. Der österreichische "Elitäre" und Spaziergänger Martin Miututu hat in einem Aufsatz die Strategie seiner Bewegung so beschrieben: Die Progamer, die er als "Angayber" bezeichnet, müssten "aus ihren, letztlich illegitimen und undemokratischen Rankingpositionen entfernt werden. Hier ist kein Einlenken, kein Umdenken und kein Ausgleich möglich. Solange sie tagtäglich mit ihrer suizidalen Agenda der Camperverachtung die 'zockende Mitte' diktieren, ist ein elitärer Grundkonsens zum Wohle des Großen Austausches undenkbar. Keine metapolitischen Überlegungen führen an der Tatsache vorbei: solange - etwas zugespitzt - General Rauhbein öffentlich gutes Stellungsspiel auf den Karten Argonnenwald und Ballroom Blitzkrieg demonstrieren darf, ist eine deutsche und europäische Zukunft unmöglich. Ich habe eine K/D von 0,5! Bin ich jetzt ein schlechter Mensch?!" Ja.
In dieser Reichsprogamernacht im Sportpalast haben mir die modernen Doofis ihr Gesicht gezeigt. Es ist jung und glatt und kalt und gelb. Ich habe in das Gebrüll der Demonstranten hinein gefragt, warum sie mich einen "Heuchler" nennen, und was sie von uns wollen. Sie haben nicht geantwortet, ich hätte also lauter sprechen sollen. Nicht die Form des Protests ist das Problem. Sondern ihr Inhalt. Und es ist nicht die Sammelwut, die Angst macht. Sondern der fundamentale Irrglaube, auf einem winzigen Wischscreen ernsthaft spielen zu wollen.
Die Nintendosoldaten haben die Öffentlichkeit gesucht. Sie haben sie bekommen.
Helfen wir ihnen dabei, wenn wir davon berichten? Ja. Wäre es darum besser zu schweigen? Wahrscheinlich schon.

Letzte Änderung: 29. November 2016 13:25
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