Wie die Tigermutter ihre Kinder zum Siegen drillt
"In westlichen Augen heißt das: unfassbare Strenge und absolute Kontrolle. Amy Chua wiederum wirft den Amerikanerinnen deren Kuschelpädagogik vor, mit der sie den Nachwuchs um seine Chancen brächten."
"Eltern wollen ja immer nur das Beste für ihre Kinder. Amy Chua tut dafür alles: Sie bettelt, droht, besticht und erpresst. Weder die eigene Ermüdung noch die Konkurrenz der anderen entmutigen sie. Und über die Neigung ihrer Freundinnen, Kinder ihren Weg selbst bestimmen zu lassen, kann sie nur lächeln."
"Viele Amerikaner wundern sich, warum chinesische Eltern so viele Mathegenies und musikalische Wunderkinder hervorbringen: Nun, sie könne es ihnen sagen, erklärt Chua siegessicher, „denn ich habe es getan“. Und zählt dann all das auf, was sie ihren Töchtern stets verboten hat: bei Freunden übernachten und Kinderpartys besuchen, im Schultheater mitspielen, Fernsehen oder Computerspiele, sich Hobbys selbst aussuchen und eine schlechtere als die Bestnote zu bekommen. Ist Amy Chua eine Mutter oder ein Monster? Diese Frage erörtern amerikanische Leser erregt im Internet. Und nicht nur sie sind verunsichert, wohlwissend, dass das Bildungsniveau im eigenen Land sinkt, während asiatische Staaten soeben beim Länderschulvergleich Pisa die ersten Plätze belegten."
"Aber was nützt all das perfekte Beherrschen einer Partitur, kritisiert ein anderer, wenn man sie nicht interpretieren kann? „Wegen einer Mutter wie Amy Chua musste ich in die Psychiatrie“, klagt die Tocher asiatischer Einwanderer. Dass unter jungen Chinesinnen in Amerika heute Selbstmord die zweithäufigste Todesursache ist, lässt an Japan in den achtziger Jahren denken."
"Bisweilen will man kaum glauben, welchen Torturen Amy Chua ihre Töchter unterwirft. Schon die vierjährige Louise muss das bitter lernen: Als sie ihrer Mutter zum Geburtstag eine Karte gebastelt hat, gibt diese ihr das Geschenk zurück. Das könne sie besser, lautete die Begründung."
"Wenn amerikanische Mummys jubeln, weil ihre Sprösslinge dreißig Minuten Klavier üben, so ist bei der chinesischen Mutter die erste Stunde der leichte Teil. Hart wird es in der zweiten und dritten Stunde, die täglich geübt werden. Klappt es trotzdem nicht, beschimpft die Mutter ihre Kleinen schon einmal als „Müll“ und verbietet ihnen, etwas zu trinken oder auf die Toilette zu gehen. Und es geht noch schlimmer: „Ich zähle jetzt bis drei, dann erwarte ich Musikalität. Wenn das beim nächsten Mal nicht PERFEKT ist, NEHME ICH DIR SÄMTLICHE STOFFTIERE WEG UND VERBRENNE SIE.“"
"Es ist dieser über Jahre schwelende Konflikt, der Psychokrieg zwischen einer chinesischen Mutter und ihrer amerikanischen Tochter, um den dieser verstörende Bericht wieder und wieder kreist. Er fängt an als Pamphlet für eine rigide Erziehungsmethode, die bei der ersten Tochter ja auch funktioniert. Doch nach der Hälfte des Buches beginnt Amy Chuas Welt zu erodieren, bis sie vollkommen in sich zusammenstürzt. Ihre Methode ist keine Erfolgsgarantie, sondern sie geht zu fünfzig Prozent auf - wie beim Roulette. Am Ende ihres Buches hat Amy Chua jede Sympathie beim Leser verspielt. Was bleibt, ist Mitleid für eine Mutter, die bereit ist, jeden Preis für das Fortkommen ihrer Kinder zu zahlen. So findet man vielleicht Erfolg. Aber nicht sein Glück."
Was Herr Sarrazin wohl davon halten würde ...