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Alessandra · , Italien · weiblich · 37 Jahre alt · registriert seit 2002 · gestern zuletzt online

100 Jahre Grundig

Gesellschaft / Politik ·

Es ist eine Metapher für inzwischen mehr als 60 Jahre soziale Marktwirtschaft in Westeuropa: Heute wäre Max Grundig, Unternehmer aus Fürth in Franken, 100 Jahre alt geworden. Das Unternehmen, welches seinen Namen trug, existiert nicht mehr. Der Aufstieg und Fall dieses Unternehmens aber ist für uns Metapher für Wirtschaftswunder und Globalisierung, für die Möglichkeiten und Grenzen der »sozialen Marktwirtschaft«.

1946 begann Max Grundig, in Fürth Radiogeräte zu verkaufen, aber auch zu reparieren. Das Radio war zu dieser Zeit – das Fernsehen musste auf seine Wiederauferstehung noch fast 10 Jahre warten – das einzige elektronische Informations- und Unterhaltungsmedium. Es war Ohr zur Welt, nachdem es zuvor die stinkende Schnauze eines dreckigen Propagandisten des Massenmordes gewesen war.

Doch hatte der Nazi Goebbels zwar dafür gesorgt, das ganz Deutschland mit den technisch einfachen, dafür aber billigen Volksempfängern ausgestattet wurde. Dennoch gab es nach dem Krieg ein Bedürfnis nach neuen Geräten für den Rundfunkempfang, doch die Alliierten verboten den Deutschen aus verständlichen Gründen die Herstellung und den Verkauf von Radios. Die schnarrende Stimme der Hitler-Reden klangen noch zu frisch im Gedächtnis, die Gleichschaltung der deutschen Radiosender in den 1930er Jahren war einer der wichtigen Schritte zur Festigung der Macht der Nazis.

Also verkaufte Max Grundig lieber Spielzeug: Einen Bausatz, aus dem man einfach ein Radio zusammensetzen konnte. Das fiel nicht unter die Restriktionen der Alliierten, war billig und bald ein erster geschäftlicher Erfolg. Zunächst nur in wertlosem Papiergeld der kriegszerstörten Reichsmark, bald aber in harter D-Mark.

So begann der steile Aufstieg eines Unternehmers und seines Unternehmens in der Wirtschaftswunderzeit. Max Grundig galt als stur und herrisch, aber bei seinen Arbeiterinnen und Arbeitern war er beliebt. Er sorgte mit einem dichten, sozialen Netz für sie, ein ganzer Stadtteil wurde in Nürnberg für sie von Grundig errichtet. Fast 40.000 Menschen arbeiteten in Spitzenzeiten für das Unternehmen.

Wirtschaftswunder: Der Hunger nach Konsumprodukten war groß und feuerte so eine starke Nachfrage und ein hohes Wirtschaftswachstum an. Deutschland lag zunächst in Trümmern, aber der Marshallplan stattete das Land mit frischen Kapital aus. Gefallene und Kriegsinvalide fehlten dem Arbeitsmarkt, und schon nach wenigen Jahren wurden ausländische Arbeiter ins Land geholt, weil es längst mehr Arbeit als Arbeitskräfte gab.

Diese Ära aber war die Geburt einer neuen gesellschaftlichen Erscheinung: Der so genannten Mittelschicht. Für sie produzierte Grundig, und sie arbeitete in seinen Werken. Wer dort arbeitete, verdiente genug, um sich den gesellschaftlichen Aufstieg zu sichern. So schien der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital zu verblassen. Ein Unternehmen, welches von Jahr zu Jahr riesige Steigerungen in Umsatz und Gewinn erzielte, kann von Jahr zu Jahr auch immer höhere Löhne zahlen. Die notwendigen Preissteigerungen bei den Produkten wurden von den steigenden Einkommen eingeholt. Zu dieser Zeit glaubten sogar einige Wirtschaftswissenschaftler, eine gewisse Inflation sei für das Wirtschaftswachstum sogar förderlich.

In den 1970er Jahren begann bei Grundig der Niedergang. Langsam, aber sicher verdrängten günstige Produkte, damals vor allem in Japan hergestellt, die relativ teuren inländischen Güter. In der Unterhaltungselektronik war dies besonders deutlich zu spüren. Denn die Japaner lernten schnell, die Produkte waren nicht nur billiger, sondern alsbald auch technisch innovativer als die der europäischen Unternehmer. Ein Symbol dafür ist das Scheitern des technisch zwar besseren Standards für Videobänder, nämlich Video 2000 – einer Entwicklung von Grundig – zu Gunsten des vom japanischen Unternehmen JVC propagierten Standards VHS, der dann globale Norm wurde.

Globalisierung: Noch bin in die 1980er hinein konnte Grundig sein Unternehmen halten. Dann verkaufte er die Mehrheit an Philips, doch nach wenigen Jahren kam das endgültige Aus. Schon zuvor waren sukzessive Arbeitsplätze abgebaut worden. Vernichtet durch einen entfesselten weltweiten Markt, auf dem der billigste gewinnt.

Übrigens kann man auch heute noch Geräte kaufen, auf denen der Markenname »Grundig« steht. Doch sind dieses Produkte von Herstellern aus der Türkei, China oder Südostasien, welche auf den europäischen Markt geworfen werden, weil hier der Name Grundig immer noch über einen guten Klang verfügt.

Doch dieser Ramsch hat wenig zu tun mit der ursprünglichen Philosophie des Unternehmens Grundig, nämlich möglichst gute Geräte zu einem bestimmten Preis zu verkaufen. Dieser Preis war einerseits so günstig, dass sich eine große Mittelschicht sich diese Geräte leisten konnte, andererseits hoch genug, um Produktion und Entwicklung aufrecht zu erhalten.

Denn Grundig war nie ein Premium-Hersteller wie z. B. Löwe oder Metz. Aber diese beiden Hersteller gibt es heute noch.

So also schließt sich die Metapher: Die vom Wirtschaftswunder geschaffene Mittelschicht wird von der Globalisierung wieder aufgefressen. Grundig gibt es nicht mehr, die soliden, qualitativen, aber erschwinglichen Geräte. Heute können wir wählen zwischen Ramsch und teuren Qualitätsprodukten. Letztere können sich aber die Mehrheit der Menschen nicht mehr leisten.

Ob es da tröstlich ist, dass Unternehmen wie Sony, die zunächst von der Globalisierung profitierten, heute selbst unter dessen Druck stehen? Wohl kaum. Zwar kann man ihnen anrechnen, dass die neue Trends rechtzeitig erkannt haben und heute in Bereichen wie Mobiltelefone oder Spielkonsole aktiv sind. Aber aus den Jägern sind längst Gejagte geworden.

So verliert letztendlich die »soziale Marktwirtschaft« das Soziale. Möglich war sie nur in einer heute fast paradiesisch erscheinenden Epoche scheinbar unbegrenzter Nachfrage, angeheizt von einem echten Wachstum und fundamentalen Investitionen. Sie funktionierte so lange, wie Arbeit ein knappes Gut, also ein Kapital war.

So ist die soziale Marktwirtschaft also nicht aufgrund einer bestimmten Politik entstanden. Die Politik war einfach marktwirtschaftliche orientiert, und erst die Marktbedingungen machten daraus eine soziale Politik. Dann haben sich die Marktbedingungen geändert, das Kapital »Arbeit« wurde entwertet und muss zu Niedrigstpreisen am Markt angeboten werden.

04. Mai 2008 15:43

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