Hier stehe ich jetzt. Ganz alleine, mit meiner Mauer. Mit der Mauer, die ich um meine Gefühle gebaut habe.
Sie war früher solide gemauert, fest und stark. Bestimmt mehrere Meter dick und absolut undurchdringlich. Sie war so stark, dass nur ich selber sie einreißen konnte. Und genau das habe ich gemacht.
Kennt ihr das, wenn ihr mal so richtig verliebt wart, oder sogar jemanden geliebt habt, und es stellt sich heraus, dass es nicht funktioniert?
Liebe macht so unglaublich verletzlich. Sich diese Gefühle einzugestehen, und noch wichtiger, sie jemand anderem zu offenbaren erfordert daher unglaublich viel Mut.
Wohl jeder Mensch hat dieses Szenario in seinem Leben durchmachen müssen. Plötzlich sind sie da, diese Schmetterlinge im Bauch. Vorzugsweise dann, wenn man sie am wenigsten erwartet, oder danach gesucht hat. Diese Mistviecher stellen einfach ein Leben auf den Kopf und man kann nichts dagegen machen.
Natürlich kann man sie ignorieren. Aber sie bringen sich nachhaltig wieder in Erinnerung. Ihr wisst, wovon ich rede. Schweißausbrüche, zittrige Knie, totaler Verlust der Muttersprache - das volle Programm halt. Und das alles, weil ein Mensch einfach so in ein Leben hineingetreten ist, bzw. weil man diesen Menschen plötzlich mit anderen Augen sieht.
Ob man will oder nicht, es wird irgendwann so intensiv, dass man seinen Gefühlen freie Bahn läßt. Und genau dieser Moment ist es, der das eigene Leben verändert, so oder so. Man ist bereit, seine Gefühle zu offenbaren, dem Anderen davon zu erzählen. Mit allen Konsequenzen. Und es gibt viele Konsequenzen, die da auf einen hereinprasseln können.
Vorher war man unangreifbar, unantastbar, unberührbar. Die dicke Mauer, die die eigenen Gefühle geschützt hat, war eine sichere Zuflucht. Niemand konnte sie durchdringen.
Und dann reißt man diese Mauer ein, lässt jemanden eintreten in sein Herz, in dem die Gefühle ihren Platz haben. Dieser Mensch sitzt dann mitten im Zentrum. Ohne jeden Schutz kann und darf er mit den Gefühlen machen, was immer er will.
Natürlich klingt das doof, jemanden diese Möglichkeit überhaupt zu geben. Aber tut man es nicht, besteht keine Chance darauf, dass die Liebe ihren Weg findet. Und ist es nicht die Liebe, die zu den erstrebenswertesten Lebenszielen gehört? Ist es deshalb nicht ein Verbrechen, die Mauer nicht abzureißen und dem Anderen den Zutritt zu gewähren?
So, dann ist dieser Jemand also plötzlich da. Und es passiert das, was man vorher in seinen schlimmsten Alpträumen befürchtet hat. Man wird verletzt. Stiche mitten ins Herz. Ohne Chance auf Abwehr. Ohne Schutz, ausgeliefert. Und der Täter verschwindet, einfach so. Er/sie hatte Gründe. Nur hilft einem dieses Wissen nicht.
Was bleibt? Verzweiflung, ein Gefühl vollkommener Leere. Schmerz. Unendlicher Schmerz. Die Welt liegt in Trümmern, genau auf unseren Gefühlen. Und die haben keine Schutzmauer gehabt, die hatte man ja abgerissen. Die Gefühle liegen da, zermatscht und zertreten. Herzblut läuft einfach heraus und versickert im Boden. Unwiederbringlich.
Nur langsam realisiert man, was da eigentlich passiert ist. Es ist zu spät, um noch zu handeln. Ohnmacht. Enttäuschung. Wut darüber, dass man es zugelassen hat. Das, was nicht passieren sollte, ist doch passiert.
Jetzt schnell handeln, eine neue Mauer muss her. Dicker, höher und fester als die alte Mauer es jemals war. Jetzt gilt es, die verwundeten Gefühle zu heilen und das kann dauern. Sie wird gebaut, in Rekordzeit. Sie ist uneinnehmbar, niemand kann sie durchdringen. Es sei denn, wir lassen es zu. Doch daran ist nicht zu denken, nicht jetzt, nicht in dieser Situation. Alles im Inneren der Mauer ist kaputt. Wenigstens sieht jetzt keiner mehr das Blut im Boden versickern. Die Mauer schützt.
Hier stehe ich, mit meiner Mauer, die ich um meine Gefühle gebaut habe. Sie ist unübersehbar, niemand kann einen Blick in das Innere werfen. Sie ist höher und auch deutlich dicker, als die Mauer, die ich früher einmal gebaut habe. Es ist eine starke, solide Mauer, sie wird Jahre und Jahrzehnte überstehen.
Vorausgesetzt, dass ich nicht wieder einem Menschen Einlass gewähre. Mich wieder verletztlich, angreifbar und schutzlos mache. Vorausgesetzt, dass ich die Kontrolle über meine Gefühle bewahre. Vorausgesetzt, dass ich in Zukunft auf Liebe verzichte, denn dafür müsste ich die Mauer wieder einreißen.
Und das ist es, was ich gedenke zu tun. Die Mauer wird wieder fallen. Ich weiß nur noch nicht wann und wegen wem, und das ist gut so. Ich warte wieder in meinem sicheren Schloß auf den Menschen, der es schafft, mich die Mauer zerstören zu lassen. Ich möchte nicht ohne Liebe leben. Ich werde wieder verletzlich sein. Und ich werde dieses Risiko wieder eingehen. Solange, bis ich es für den Menschen eingehe, der meine Verletzlichkeit nicht ausnutzt. Solange, bis ich den Menschen gefunden habe, der meine Gefühle respektiert und sie sogar durch seine eigenen erweitert.
Dann brauche ich keine Mauer mehr.
