'Greg'     Design

Unikat · , Deutschland · männlich · registriert seit 2010 · heute zuletzt online

ANREISE
Jana. Scherenschnitt am Fenster. Huschende Bäume und fliegende Zäune. Wellen aus Gras und Wald. Sie sitzt, die Knie angezogen, in leicht schaukelnder Kauerstellung. Birdy. Ja. Das etwa. Die Spitzen ihrer kräftigen Haare springen aus der Stirn des Scherenschnitts, sehen aus wie Halme. Jana. Ich schlafe wieder ein.
CAN in den Ohren. Maultrommel schlägt Takte im Kopf. Anne in den Städten. Schöner Film. In Schwarz- Weiß. Der Zug fährt immer noch. Jana liegt an meiner Schulter, und aus ihrem Mundwinkel läuft etwas Speichel. Schwarze Haare, schmales Gesicht, bodenlose Augen und eine hochnäsige Nase. Markant das Kinn, sanft das Schlüsselbein. Ich sehe mich satt.
"Ihr verbraucht so viel Geld für jeden Scheiß !" Sie empörte sich um 10 cm größer. Wir packten gerade die Rucksäcke und sprachen, nein stritten wegen ihrer teuren Fahrkarte. "Nachtzug mit acht Leuten und lauten Zusteigern. Ne. Nehe ! EIN Luxus, und ich hab sogar mein Geld zum Geburtstag reingesteckt !" Anfunkeln. Gesten abblenden. Wir hörten auf, zu reden. Wir hörten auf, zu packen. Als ich ihre Brüste liebkoste, nahm sie die Fahrkarte erster Schlafwagenklasse und strich mir damit über das Haar.
Wir sitzen allein im Abteil. Der Zug fährt noch eine Stunde. Jana schmollt mit ihrer nackten Schulter, dann fliegt ihr Kopf herum. Fragendes Grinsen. Ich frage in dieses Grinsen: "Weißt Du, wo der Busbahnhof ist ?" Ich sehe mir den Stadtplan von Florenz an. "Nähe Bahnhof", kaut sie in ihre Halskette und schnürt den Rucksack zu. Auf dem Plan steht gar nichts. Wir werden sehen.
Der Bahnhof in Florenz ist häßlich. Die Gegend drumherum eine häßliche Baustelle. Jana fragt einen Bauarbeiter: "Bus ? Siena ?" Strahlen, bis er mich sieht. Mit gefangenem Lächeln zeigt er auf einen kleinen Eingang. Hinter einer kleinen Unterführung ein Platz mit blauen Bussen. Gefunden. Na also. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen, küsst mich brav auf die Wange und zeigt auf ein blaues Ungetüm mit dem Schild "Siena".
Wir fahren durch wunderliche Farben. Alles wirkt etwas überzeichnet, fast wie ein realistisches Kitschbild. Kitsch kann also Blicke fesseln. Meine jedenfalls. Jana schaut wie ein staunendes Kind auf leuchtend grüne Wiesen, stolze Zypressen und hingestreute Landhäuser. Hier wächst nicht Paolo Conte im Kopf, sondern Branduardi. Sanfter. Ruhiger. L´Albero. Ein langsam wachsender Baum. Gefangene Sinne in dieser tiefen Perspektive. Die Landschaft wirkt in ihrer verschwenderischen Pracht fast dekadent, hochmütig und eitel. Eine Hand krallt sich in meinen Arm. Janas Farben sind reduziert auf Blaß und Schwarz. Ihr ist sehr übel. Sie und die Busse sind auf allen Reisen fast nie ein Problem. Heute hat uns das "fast" erwischt. Sie schaut in die Tüte und gleicht einer Katze, die nicht mehr zu retten ist. Und ich liebe sie.
Auf dem Busbahnhof in Siena müssen wir gleich umsteigen. Arme Jana. Sie trinkt tapfer Wasser, sieht den Bus mit giftig- elendem Blick an und fügt sich ihrem Schicksal. Die schöne Stadt werden wir uns später ansehen.
Wir fahren über Chiusdino nach Ciciano. Endlich aussteigen. Der Ort wird durch eine große Straße geteilt und schläft noch ein wenig. An der einzigen Bar wollen uns die Besitzer des Ferienhauses treffen. Hier passt Pepe, der Straßenkehrer in dieses verträumte Bild. Ich sehe einen Mann, der die große Straße in einer Woche gekehrt hat. Jana boxt mir in die Rippen:" Das müssen sie sein", sagt sie und zeigt mit ihren Finger auf einen roten Corsa.
Er ist ein großer Kerl mit tiefer Stimme, sie eine lebenslustige Rundlichkeit mit hochgestecktem Haar und tausend Glitzern in den Augen. Zuerst werden Lebensmittel gekauft, und dann werden wir in das Auto bugsiert, gelacht und geredet. Bis zum Wald sind es 3 Kilometer. Bis zum Haus 800 Meter durch eine dichte Baumlandschaft. Im Wald werden uns die gemieteten Räder nicht viel nützen. Er ist wild, die Wege verwuchert, die Baumkronen schweigsam gebeugt.
Der Corsa schafft es mühsam bis zum Haus. Es liegt auf einer Lichtung, auf dem Dach eine große Solaranlage, aber keine Antenne. Keine Satellitenschüssel. Es ist egal. Es ist wirklich egal. Rustikale Mauern mit kleinen Fenstern gefallen uns sofort. Das Dach sieht aus wie ein tief über den Kopf gezogener Hut. Das Haus ist freundlich. Wir verabschieden uns, nachdem wir gestenreich eingewiesen worden sind. Als der Corsa in den Bäumen verschwindet, merken wir mit einem wohligen Schauern, dass wir von der Außenwelt abgeschnitten sind.
Wir sind angekommen. Die Sachen sind verstaut. Die Bank vor dem Haus lädt uns ein, altes Bauernehepaar zu spielen. Waldbauern. Einsam in karger Armut. Müde durch Entbehrungen. Jana streichelt mit der Zunge mein Ohr. Die Stille streichelt unsere verwundeten Sinne. Die Bäume stehen wie verwunschene Wächter um uns herum. Janas Hals riecht nach Orange. Nach zwanzig atemlosen Minuten kichert sie in das schwarze Haar:" Dieser Bank vertraue ich." Und auf ihren nackten Armen wächst Gänsehaut.
Im Frühherbst springt die Nacht über die Bäume. Aus den Aktivboxen meines CD- Players mogelt sich schwermütiger Fado. Der Wein ist ein echter, trockener Toskaner, angefüllt mit berauschender Landschaft.
"Bär" flüstert Jana in ihr kleines Weinen. Ich habe es nicht sofort gemerkt. Sie taucht ihr Gesicht in meine Schulter. Die Hitze ihrer Tränen auf meiner Haut. "Lass uns nicht wieder fortgehen. Nicht, weißt Du, vielleicht sogar nie." Wir sitzen noch lange so. Ich weiß, dass sie mit "Fortgehen" nicht diesen Ort gemeint hat.
Ich bin in ihr.
Sie umgibt mich.
Draußen kommt Wind auf und eröffnet Rauschkonzerte. Hierhin wollten wir. Hier begegnen wir uns wieder. Anders. Ohne die geringste Ablenkung. Bis zum Morgengrauen trennt uns nur ein kühler Schweißfilm. Es gibt keine Fragen. kein Zweifel. Nicht einmal Antworten. Die Baumwächter heben sich langsam gegen den heller werdenden Himmel ab. Ihre Hand auf meiner Brust pulsiert. Pulsiert mich in den Schlaf.

SIENA
Ein glatt gezogener Bettdeckenrand. Darüber ein Nasenansatz und zwei dunkle Brunnen, die mir folgen, als ich unseren Kaffee auf dem Tischchen abstelle. Kilroy is watching you. Jetzt werden auch auf beiden Seiten ihres Gesichts die Finger sichtbar. Kilroy is complete.
Nachdem wir den ersten Tag mit Faulenzen und trägen Berührungen zugebracht hatten, sind wir heute sehr früh aufgestanden. Fast vier Kilometer Fußmarsch liegen vor uns, bis wir die Bushaltestelle in Ciciano erreichen werden. Das Frühstück ist ein zufriedenes Schweigen, und der Geruch von Baumharz vermischt sich mit würzigem Kaffeeduft. Raglan Road. The old Ways. Loreena singt mir den Kopf voll. Ich stelle absichtlich die blödeste Frage, um sie zu ärgern:" Jana, liebst Du mich denn NOCH ?" Sie murmelt grinsend in die Tasse: "Nicht ein bisschen."
Der Waldweg liegt noch graugrün unter den dunklen Schatten der dichten Kronen. Die jagenden Herbstwolken schieben heller werdende Farbkleckse in Rot vor sich her, und im Unterholz knackt, raschelt, knirscht es. Sie schiebt sich in meine Seite: "Gibt es Bären ? Gibt es Wildschweine?" Ich nicke dem Weg zu. "Die gibt es. Die gibt es ganz sicher. Piepsig: "Auch hier ?" Sie drückt mir fast das Handgelenk ab. "Oh, hier kenne ich mich nicht so aus, kann ich nicht genau sagen. Vielleicht....", antworte ich ihr, ignoriere das kräftige Kneifen in meinen Unterarm und frage so harmlos wie möglich:" Liebst Du mich denn noch oder schon nicht mehr, Du Schißhase ?" Jana löst sich von mir, breitet die Arme aus, ruft laut:" Wilde Schweine ! Bären ! Ich bringe Euch ein Stück dummes Fleisch ! Beschädigt nur nicht den Geldbeutel !"
Der Weg in das Dorf geht in einem Bogen bergab. Auf der linken Seite begrenzen hohe Felsen die Sicht. Alt und verwittert bedrohen sie die Straße. Rechts, hinter niedrigen Steinmauern am Straßenrand, öffnet sich ein flaches Tal mit Wiesen, Feldern, hellrot schimmernden Häusern über Inseln aus Morgennebel, und auch die in ordentlicher Reihe aufgestellten Zypressen fehlen nicht. Jana tanzt mit kleinen Sprüngen ein ganzes Stück vor mir her. Das schwarze Haar fliegt über den Rucksack, und ihre langen Kringelstrümpfe leuchten wie ein Warndreieck.
Die Fahrt mit dem Bus führt uns durch schon gesehene Landschaften, dieses Mal mit Morgenfarben geschminkt. Der Busbahnhof von Sienna liegt etwas erhöht, und der Weg zur berühmten Piazza del Campo ist nicht weit. Schon das Stück hinab ist eine Augenweide. Der große Platz ist umsäumt mit herrlichen Hausfassaden, und überall gehen kleine Straßen ab, einige Pfade auch mit Treppen, die zu stilleren Orten dieser Stadt führen, denn auf dem Platz selbst herrscht laute Betriebsamkeit. Wir lassen uns auf die alten Bauten ein, besichtigen den Dom und die Universität. Wir können uns nicht satt sehen. Siena. Als Jana von mir erfährt, dass auf dem großen Platz am 2. July und am 16. August das "Palio" stattfindet, ein besonders hartes Pferderennen mitten in Siena, großes Volksfest inbegriffen, sagt sie nur:" Das werde ich mir ansehen:" Im Palazzo Pubblico, dem Rathaus an der Piazza, sehen wir uns die berühmten Fresken an. Jana hat eine seltene Art, zu staunen. Etwas fängt ihren Blick, sie starrt es förmlich an, schließt einen kurzen Moment die Augen, um wieder hinzuschauen. Direkt danach atmet sie tief und flüstert:"Mensch, Menschmenschmensch." Das wiederholt sich immer wieder. Manchmal warte ich förmlich darauf.
Der Film auf ihrer Kamera ist voll, und wir wollen uns auf eine Treppe setzen, die zur alten Universität führt. "1240", meint Jana, "das sind sehr viele Jahrgänge." Die Sonne klettert die Treppen herab und wärmt den Rücken. Hier essen wir mit besonders großem Behagen, denn der Blick geht durch eine Galerie alter Häuser auf die Piazza. Wir lieben beide diesen Platz, wollen gar nicht so weit weg von ihm, immer wieder angezogen von seiner besonderen Form.
Aus dem Schatten eines Seitenweges treten zwei Rucksacktouristen. Er ist groß und schlaksig, eine vom Blick und der Körperhaltung her echte "Durchhaltefigur", und sie scheint viel zu schwach für diesen Riesensack auf ihrem Rücken zu sein, schaut etwas angestrengter und ganz sicher genervt. Sie kommen aus Dortmund, setzen sich zu uns und essen ebenfalls. Er redet ununterbrochen. Das sie einen Schlafplatz suchen, und ob wir denn selbst hier wohnen würden, und dass seine Freundin noch nie so eine Reise gemacht hätte, und wo er schon überall zu welchem unerhört günstigen Preis war. Seine Freundin spricht mit Jana über die schöne Stadt, sichtlich erfreut über diese Begegnung. Irgendwann sagt er: "Wir kommen doch aus der gleichen Ecke. Wenn Ihr noch Platz habt, können wir doch gemeinsam rumfahren." Er fixiert Jana.
"Neue Leute kennenlernen ist doch immer spannend." Seine Freundin spürt es eher als ich. Jana weiß es schon seit einer halben Stunde. Sie reckt sich ein wenig, stupst ihn auf die Nase und grinst ihn an. "Klar. Ich lerne gerade Einen kennen. Und das reicht mir völlig. Sorry." Er kann seine Enttäuschung nicht verbergen. Seine Freundin auch nicht. Aber aus einem anderen Grund. Jana winkt ihr nach, und das Mädchen unter dem Riesensack hat Einsamkeit im Gesicht.
Als wir oben am Busbahnhof warten, schweigen wir uns aus. Sie kriecht mit einer Hand in meine Hosentasche.
Weil wir etwas müde sind, bitten wir den Busfahrer, uns am Waldweg herauszulassen. Er versteht uns, kennt sich bestens aus. Wir gehen den sonnenbefleckten Pfad nach oben, wieder schweigend. Kaum angekommen, duschen wir uns gemeinsam, entlausen uns wie die Affen von Schweiß und Schmutz. Nein, Sex ist es nicht. Nicht hauptsächlich. Es ist viel zärtlicher und achtsamer, ruhiger und entspannter.
Ich kenne kein Wort dafür.
Jana hat gekocht. Es gibt Wildschwein mit Estragon und Kartoffeln mit Bohnen. Wir decken den Tisch. Ich zünde eine Kerze an. Sie besteht auf Manitas de Plata. Ihre Haare sind elektrisch aufgeladen. Das Essen schmeckt gut. Die unordentlichen, aber genialen Läufe der Gitarre fahren mit dem Wein durch unsere erschlagenen Sinne. Tasten. Hören. Sehen. Riechen. Viel später das Fühlen.
Ich spaziere mit zwei Fingern auf ihrem Venushügel herum. "Wo geht es, bitte, zur Piazza?" "Etwas weiter unten, mein Herr. Sie können es nicht verfehlen. Ich wollte mir noch einmal den Dom ansehen." "Bis gleich, werte Dame. Wir treffen uns sicher bald wieder...." Die Nacht ist voller kleiner, kichernder Seufzer.

CHIUSDINO
Aufwachen. Irgendwoher wieder zurückkommen. Auf dem Tisch steht eine Teekanne. Langsam nimmt mein Bewusstsein den Regen vor der Glastür auf. Jana sitzt, in ein Badetuch eingewickelt, an der Tür und schreibt. Ihr linker Fuß wippt dabei auf und ab. Ihre Zigarette verbrennt am Aschenbecherrand. Ich setze mich auf und gieße mir den grünen Tee ein. Sie sieht sich um zu mir, lächelt kaum und schreibt dann weiter. Wenn sie es braucht, nimmt sie sich ihre Zeiten konsequent. Und wenn es die Zeit erlaubt, habe ich gelernt, nicht zu warten. In den Dampf meines Tees fallen bald eigene Gedanken. Neverending Road. Ich höre es ganz leise. Diese Behutsamkeit ist das Ergebnis tiefer Kenntnis über mögliche Verletzungen, die auch dann entstehen, wenn man scheinbar unbedeutende Grenzen überschreitet. Noch lange sitzen wir so.
Sie ist heute still. Ich schlage eine kurze Fahrt vor. Sie nickt nur und zieht sich die Regenjacke an. Dort, wo sie in Gedanken ist, möchte sie jetzt bleiben, und ich weiß mittlerweile, in welchen Vergangenheiten sie wandert. Wir gehen in den Regen hinaus. Die Straße glänzt nass wie ein langer Spiegel, und die Luft riecht nach frischer Erde. Plötzlich hakt sie sich ein und atmet tief. "Ich liebe Dich", sagt sie und nestelt am Reißverschluß meiner Regenjacke. Manche Menschen müssen durch ziemlich viel Dreck gehen, und Jana trägt ihren Gesternschatten immer noch mit sich herum wie eine kleine Last. Und sie kehrt immer wieder, meistens mit diesem Satz, der auch ihr selbst gilt: Ich liebe Dich.
Im Bus sitzen viele Menschen, denn in Chiusdino ist Markt. Nach 12.°° wird es schlagartig ruhiger, und bis 17.°° sind die Straßen fast leer. Nun aber ist es die Zeit der Einkäufe und Gespräche. Gestenreiche Hände wirbeln im Takt der Worte, und wir sind die fremden Zuschauer, mitten im südländischen Theater.
Chiusdino ist der nächste Ort nach Ciciano, wenn man Richtung Florenz fährt. Hier gibt es einen Kindergarten, etwas höher gelegen die Schule und eine gepflasterte Piazza, auf der heute bunte Verkaufsstände aufgebaut sind. Dieser Ort liegt auf einer Anhöhe, und wir können ungehindert weit sehen, wenn wir am jeweiligen Platz nahe der Dorfgrenzen sitzen. Das Wolkengrau gibt den sonst intensiven Farben einen zarten Pastellton. Wir sehen mit erstaunten Augen Kinder, die in Schuluniformen und geordneten Zweierreihen den Klassenraum in die erste Pause verlassen. Italien, das kinderliebe Land ? So streng ? Ein älterer Dorfbewohner kommt zu uns, zeigt auf die Kinder: "Nun müssen sich auch unsere Bambinis benehmen. Sie müssen wissen: Wir sind keine Bambinis mehr." Er lacht über unsere erstaunten Augen: "Wir sprechen in unserer Familie zwei Sprachen, waren lange in Deutschland. Nun aber hat es mich wieder hierhin gezogen." Nach der Erklärung lehnt er sich an einen Baum und lächelt zufrieden vor sich hin.
Nicht einmal 2000 Einwohner hat dieser Ort, und er wacht, 564 Meter hoch, über die Provinz Siena. Einer spontanen Idee folgend, lädt Jana den älteren Herrn zum Kaffee ein. Nach einer angemessenen Zeit höflicher Abwehr mit Händen und Worten willigt er ein. Wir kommen in ein angenehmes Gespräch über Land und Leute. Wie teuer hier die Lebensmittel sind. Das eine "deutsche" Disziplin, was die Arbeit betrifft, nicht so bekannt ist, und das die gesamte Toskana zum größten Teil vom Tourismus lebt. "Seht Euch die schönen Weingüter an. Chianti. San Gimignano. Die Preise werden von der EG diktiert. Manche Tafelweine, die bei Euch in den Supermärkten stehen, sind eigentlich annehmbare Qualitätsweine. Der Konkurrenzdruck ist groß." Verschwörerisch beugt er sich nach vorn. "Die meisten Ferienhäuser gehören Schweizern oder Deutschen. Oder sie sind daran beteiligt. Und einigen Bauernhöfen geht es ebenso. Ökozeug und Ähnliches. Das macht hier Einige böse vor Neid."
Nach dem eigentlich recht einseitigen Gespräch setzen wir uns auf eine kleine Mauer und sehen erstaunt, wie sich der Ort schlagartig beruhigt. Die Bewohner ziehen sich zurück, und die Natur hält mit ihrem Geräuschorchester Einzug in alle Straßenwinkel. Es hat aufgehört, zu regnen, und dafür bläst uns der Wind die erste Kühle aus tiefem Herbst um die Ohren. Wir machen uns langsam auf den Heimweg.
Es ist gerade 17.°°, und was nun passiert, macht Jana sichtlich Spass. Wir wollen in Ciciano einkaufen, doch der Laden hat eine neue Tiefkühltruhe bekommen. Um sie herum stehen nun der Ladenbesitzer und seine Familie, ein paar Bewohner und wir. Sie unterhalten sich, offenbar uneinig, über die beiliegende Gebrauchsanleitung. Momentan wird Keiner wirklich bedient, weil die Priorität dieses Nachmittags elegant, neu und weiß im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit liegt. Endlich dreht sich die junge Tochter zu uns, fragend, fordernd. Wir radebrechen uns Brot, Butter und zwei Flaschen Wein in die Einkaufstasche. Hier ist Zeit langsamer als sonstwo.
Das Haus im Wald. Heute windgeschüttelt. Ein Sturm fegt den Himmel frei. Jana liegt mit dem Kopf auf meinem Oberschenkel und singt leise mit Jaques Brel. Sie ist etwas betrunken und genießt es offenbar, sich nicht zusammenzureißen. Sie hebt den Kopf und sieht mich lange an. "Danke", sagt sie, "und wenn Du manchmal der größte Blödmann bist. Danke, dass Du´s rechtzeitig nicht bist."

ABREISE

Vincent. Don Mc Lean singt Melancholie in die aufgeräumten Zimmerecken. Jana sieht sich um, ob auch nichts mehr von uns herumliegt. Ich sitze auf meinem Rucksack und sehe ihr zu. Noch haben wir etwas Zeit. Die Bank vor dem Haus. Die Baumwächter. Das Haus mit der tiefgezogenen Dachmütze. Und die nie gesehenen Bären, Wildschweine. "Freue mich auf die Katzen", murmelt sie in meinen Arm. Ich kraule sie am Nackenansatz:"Ich mich auch. Und auf Deine Mutter. Sogar auf diese Frau, die sagte, wir werden schreckliche Tage haben." "Ach, lass´ sie doch, sagt sie ruhig, "Mutts wäre selbst gerne mal gefahren. Sie ist einfach manchmal ein bißchen verbittert, weil sie nie rauskam." Gespräche über ihre Mutter wurden immer zu einer psychologischen Viertelstunde. Doch jetzt läßt sich Jana auf diese Zeit ein, und ihr Blick macht glauben, dass sie sich von jedem Baum verabschiedet. Vielleicht auch ein wenig von unseren ungestörten Stunden, eben doch nicht alltäglichen Stunden und Minuten und Sekunden.
Jetzt ist es gut, dass wir allein in einem Abteil sitzen. Die Rückfahrt zum Bahnhof habe ich gar nicht richtig wahrgenommen, weil ich in Gedanken war, in Gedanken, die kamen und gingen und für ein Erinnern nicht taugten. Jana las in dieser Zeit einen Krimi von Dashiell Hammett. Weit weg von mir. Ganz nahe bei mir. Jetzt ist es gut, dass wir hier allein sind. Draußen ziehen Abendstimmungen am Zugfenster vorbei.
Sie nimmt sich das Notizbuch aus der Tasche und räuspert sich. Sie ist verlegen. Ich sehe sie an. Ohne Vorankündigung fangt sie an, zu lesen.
"Hier eine Notiz, ähem, eine kleine Niederschrift, die ich verfasst habe, bevor wir nach Chiusdino fuhren: Ich kann nicht so mit Worten umgehen wie dieser Kerl mit den zwei linken Händen. Und Gitarre kann ich überhaupt nicht spielen. Wenn ich auf meinen Glasscherbenwegen herumgehe, obwohl ich weiß, dass sie wehtun, dann läßt er mich gehen. Und ich sehe ihn dann da sitzen, unschlüssig, aber gefasst. Er kennt mich ja. Er weiß es ja. Er hat gelernt, dass ich schon groß bin und immer wieder einen Weg zurückfinde. Ich bin kompliziert, anspruchsvoll und manchmal gemein. Und mir war immer danach, wie meine kleine Schwester in großen Druckbuchstaben schreiben zu können: Ich liebe ihn deswegen und deswegen und deswegen. Meinetwegen mit Blümchen drumherum. Aber ich bin nicht meine kleine Schwester. Ich brauche Rechtfertigungen, um das zu tun. Und es widerstrebt mir trotzdem. Bleibt mir nur, zu vermerken: Wenn ich meine kleine Schwester wäre, wäre mein Notizbuch voll davon."
Sie sieht mich an: "Kitschig ?" Ich sage nichts. Ich atme tief und sage nichts. Ich überlasse es meinen Händen, zu reden. Ich sitze neben ihr und bin mir bewußt, dass meine Aufzeichnungen über diese Reise sentimental oder kitschig klingen müssen. Doch unsere Liebe hat einen geheimen Garten der gegenseitigen Heilung. Etwas, was Andere nie begreifen werden, wenn sie es nicht erleben. Dieses Gefühl, dass uns ein Zug nach Hause bringt, aber daheim sind wir überall.
Später liegt sie auf mir, den Kopf in die Hand gestützt, während ihre Blicke belustigt mein Gesicht studieren. Ich bin noch in ihr, und sie hält mich fest. "Ich bin überzeugt", sage ich in ihre Augen, "dass wir noch einmal nach Siena fahren." Sie grinst. :"Und ich bin überzeugt, dass wir uns bald mal wieder so richtig streiten müssen. So können wir doch nicht unter die Leute gehen." Jetzt grinse ich auch: "Kommt noch. Spätestens, wenn ich wieder Krimskrams einkaufe oder Gläser spüle." Sie nickt heftig.
Jana schläft. Ganz kurz vor dem eigenen Einschlafen fällt mir der Spruch ein:
"Wer einmal frei vom großen Wahn
der Sphinx ins leere Aug´ geblickt,
verachtet still
der Erde Weh,
der Erde Lust
und lächelt nur."
So ist es wohl. Ja, so ist es wohl. Und fragt mich nicht, warum.

(Nachtrag: Heute, lange nach ihrem Tod, bin ich keinesfalls klüger, aber ich sitze meine Frist nicht ab, wie Gröne es mal formulierte. Mir ist nur nie ein Lied eingefallen wie "Der Weg". Aber eine wahre Geschichte, die auch ruhig subjektiv sein darf. Soll sie sogar. Zehn Jahre später war ich wieder in Siena. Ich habe mir das Pferderennen angesehen. Und es war gut so.)

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