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: Tech. Fortschritt, Wissen u. Kommunikation
07. Apr 2012 15:34

Tech. Fortschritt, Wissen u. Kommunikation

Wie verändern Geräte wie Smartphones (und zukünftig solche wie die noch namenlose google-Brille die alltägliche Kommunikation? Bzw. (um das zu vertiefen und passend für dieses Forum zu machen) verschwinden durch die sofortige Verfügbarkeit von Wissensinhalten die Grenzen zwischen einer - auf jeweiligen Feld - gebildeten und ungebildeten Person? Oder ist Bildung nicht etwas viel komplexeres, d.h. mehr als eine Wiedergabe abrufbarer Daten? (Ich denke da bspw. an Searles Chinesisches Zimmer/Chinese Room (engl.=besser u. ausführlicher).
Führen solche Geräte eher dazu sich weniger zu bilden und sich stattdessen auf sie zu verlassen oder wird die Bildung durch die daraus entstehende Mentalität Dinge, sofort, wenn man nach ihnen fragt, nachzulesen, vergrößert? (Oder vergisst man das meiste ohnehin kurz darauf wieder? - Vielleicht gibt es dazu Ergebnisse aus der Neurologie, die jemand bemühen kann.)



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tren
spin.de VIP
Gerhard Christopher
07. Apr 2012 17:41

re

Ich glaube, hier sind mindestens drei verschiedene Fragen drin, die ich kurz so beantworten würde:

1) Glaubwürdigkeit/Verlässlichkeit?

Die Verlässlichkeit von Datenbanken, Zugriffstechnologien usw. steigt. Die Nutzerakzeptanz steigt in der Regel nicht mit der Verlässlichkeit, ebenso wenig mit der Glaubwürdigkeit der Quellen. Interessant wären Untersuchungen, ob sich die Glaubwürdigkeitsbeurteilungen bei bspw. Computerquellen ändern - und ja, das tun sie. (Es gibt schöne Experimente dazu, bspw. bei der Akzeptanz von Ergebnissen mentaler Rotation: Computer vs. Mensch.) Ob sich allerdings die Methoden zur Konstruktion der Beurteilung ändern, ist eine ganz andere Frage und die eigentlich wichtige Frage.

Die nächsten beiden Fragen basieren darauf, dass es sich im Grunde auch um eine Internalismus/Externalismus-Debatte handelt, die z.B. unter "aktiver Externalismus" bekannt geworden ist.

2) Prozessexternalismus?

Sicher ändert sich das "Auslagerungsverhalten". Ich kann bestimmte Prozesse auslagern, bspw. Berechnungen, das Ergebnis nehmen, und dann etwas damit machen. Bei aller Euphorie muss man aber berücksichtigen, dass die repräsentationalen Formate im Arbeitsgedächtnis hin und wieder anders sind und bestimmte Eigenschaften aufweisen, pace Langzeitgedächtnis. Wer bspw. ein mentales Modell selbst konstruiert, wird Konstruktionsspuren anlegen und nicht unbedingt nur Propositionen, die aus dem Modell ableitbar sind. Man wird einfach experimentell herausfinden müssen, wie weit solche Änderungen der computationalen Prozesse plausibel sein werden.

3) Semantischer Externalismus?

Vielleicht ändern sich bestimmte Sprachproduktionsprozesse, das wäre denkbar. Vergleichbar würde ich hier frühe Studien von Leontiev ansehen, der die Internalisierung-Externalisierung-Internalisierung der Memorierungsfähigkeit experimentell untersucht hat.

Allerdings heißt das noch lange nicht, dass auch unser kognitives und kommunikatives Leben sich dadurch von Grund auf ändert. Es ist vielleicht nicht so, als würde mein "Geist" sich nun über das Internet und all seine Nutzer erstrecken - und etwa eine große neue Geistentität bilden.

Schließlich sind das alles Grundfragen, die beantwortet werden müssen, um wissenschaftlich die Gründe der Änderung des Kommunikationsverhaltens zu bestimmen. Dass neue Vergesellschaftsformen von Wissen, Spielen und Zugriffsformen entstehen, ist hingegen bereits durch qualitative Studien in den Medienwissenschaften (bspw. Medienbildung) herausgestellt worden.



12. Apr 2012 23:28

Scheinwissen

Wer mal kurz in Wiki nachschlägt,
liest die Interpretation / Sichtweise die dort aufgelegt wurde.

Um wirklich Wissen zu haben, kann man sich nicht nur einlesen.

Wie sehr wir immer mehr in der Matrix des Scheinwissens leben,
word von uns immer weniger wahrgenommen, da uns leicht Wissen
vorgegaukelt werden kann.

Offenbar muss man nur noch lesen / sehen / konsumieren.
Die Welt verblödet immer mehr und empfindet genau das Gegenteil dabei.

Orwell und Matrix sind längst übertrumpft durch die Gegenwart.



*Proteus* männlich
Dennis
13. Apr 2012 13:01

immerhin sind wir uns der Kluft bewusst

Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass es in Orwells Dystopien und ähnlichen Zukunftsvisionen keine Bücher wie 1984 oder Fahrenheit 451 und keine Filme wie Matrix gibt...



paterl männlich
Patrick aus Deutschland
29. Apr 2012 14:12

Solche Entwicklungen....

abzuschätzen, setzen für mich die baldige gebrauchsfähige Bereitstellung eines sinngemäß korrekt übersetzenden Simulta-Dolmetscher-Handys voraus und das damit erschlossene Schul-/Universitätspotential des Internets.

Auch was deeskalierende Tendenzen in der Völkerverständigung und politischen Diskussion betrifft, ist die bereits auf vollen Touren laufende Entwicklung eines solchen Dolmetscher-Handys entscheidend für unseren zukünftigen Umgang miteinander.



prometheusz männlich
aus Deutschland
29. Apr 2012 15:12

Wandelnde Enzyklopädien / Äußerliche Barbaren

...
Machen wir uns jetzt ein Bild von dem geistigen Vorgange, der hierdurch in der Seele
des modernen Menschen herbeigeführt wird. Das historische Wissen strömt aus unversieglichen
Quellen immer von neuem hinzu und hinein, das Fremde und Zusammenhanglose drängt sich,
das Gedächtnis öffnet alle seine Tore und ist doch nicht weit genug geöffnet,
die Natur bemüht sich aufs höchste, diese fremden Gäste zu empfangen, zu ordnen und zu ehren,
diese selbst aber sind im Kampfe miteinander, und es scheint nötig, sie alle zu bezwingen und zu bewältigen,
um nicht selbst an ihrem Kampfe zugrunde zu gehen. Die Gewöhnung an ein solches unordentliches,
stürmisches und kämpfendes Hauswesen wird allmählich zu einer zweiten Natur,
ob es gleich [232] außer Frage steht, daß diese zweite Natur viel schwächer, viel ruheloser
und durch und durch ungesünder ist als die erste.

Der moderne Mensch schleppt zuletzt eine ungeheuere Menge von unverdaulichen Wissenssteinen
mit sich herum, die dann bei Gelegenheit auch ordentlich im Leibe rumpeln, wie es im Märchen heißt.
Durch dieses Rumpeln verrät sich die eigenste Eigenschaft dieses modernen Menschen:
der merkwürdige Gegensatz eines Inneren, dem kein Äußeres, eines Äußeren, dem kein Inneres entspricht,
ein Gegensatz, den die alten Völker nicht kennen.

Das Wissen, das im Übermaße ohne Hunger, ja wider das Bedürfnis aufgenommen wird,
wirkt jetzt nicht mehr als umgestaltendes, nach außen treibendes Motiv und bleibt in einer gewissen
chaotischen Innenwelt verborgen, die jener moderne Mensch mit seltsamem Stolze als die ihm eigentümliche »Innerlichkeit« bezeichnet.
Man sagt dann wohl, daß man den Inhalt habe und daß es nur an der Form fehle;
aber bei allem Lebendigen ist dies ein ganz ungehöriger Gegensatz.

Unsere moderne Bildung ist eben deshalb nichts Lebendiges, weil sie ohne jenen Gegensatz
sich gar nicht begreifen läßt, das heißt: sie ist gar keine wirkliche Bildung,
sondern nur eine Art Wissen um die Bildung, es bleibt in ihr bei dem Bildungs-Gedanken,
bei dem Bildungs-Gefühl, es wird kein Bildungs-Entschluß daraus. Das dagegen, was wirklich Motiv ist
und was als Tat sichtbar nach außen tritt, bedeutet dann oft nicht viel mehr als eine gleichgültige Konvention,
eine klägliche Nachahmung oder selbst eine rohe Fratze. In Innern ruht dann wohl die Empfindung,
jener Schlange gleich, die ganze Kaninchen verschluckt hat und sich dann still gefaßt in die Sonne legt
und alle Bewegungen, außer den notwendigsten, vermeidet.

Der innere Prozeß, das ist jetzt die Sache selbst, das ist die eigentliche »Bildung«.
Jeder, der vorübergeht, hat nur den einen Wunsch, daß eine solche Bildung nicht an
Unverdaulichkeit zugrunde gehe.
Denke man sich zum Beispiel einen Griechen an einer solchen Bildung vorübergehend, er würde wahrnehmen,
daß für die neueren Menschen »gebildet« und »historisch gebildet« so zusammenzugehören scheinen,
als ob sie eins und nur durch die Zahl der Worte verschieden wären. Spräche er nun seinen Satz aus:
es kann einer sehr gebildet und doch historisch gar nicht gebildet sein, so würde man glauben,
gar nicht recht gehört zu haben, und den Kopf schütteln.
Jenes bekannte Völkchen [233] einer nicht zu fernen Vergangenheit, ich meine eben die Griechen,
hatte sich in der Periode seiner größten Kraft einen unhistorischen Sinn zäh bewahrt;
müßte ein zeitgemäßer Mensch in jene Welt durch Verzauberung zurückkehren,
er würde vermutlich die Griechen sehr »ungebildet« befinden, womit dann freilich das so peinlich
verhüllte Geheimnis der modernen Bildung zu öffentlichem Gelächter aufgedeckt wäre:

denn aus uns haben wir Modernen gar nichts; nur dadurch, daß wir uns mit fremden Zeiten, Sitten, Künsten, Philosophien, Religionen, Erkenntnissen anfallen und überfüllen, werden wir zu etwas Beachtungswertem,
nämlich zu wandelnden Enzyklopädien, als welche uns vielleicht ein in unsere Zeit verschlagener Alt-Hellene ansprechen würde.

Bei Enzyklopädien findet man aber allen Wert nur in dem, was darinsteht, im Inhalte,
nicht in dem, was daraufsteht oder was Einband und Schale ist; und so ist die ganze moderne Bildung wesentlich innerlich:
auswendig hat der Buchbinder so etwas daraufgedruckt wie »Handbuch innerlicher Bildung für äußerliche Barbaren«.
Ja dieser Gegensatz von innen und außen macht das Äußerliche noch barbarischer, als es sein müßte,
wenn ein rohes Volk nur aus sich heraus nach seinen derben Bedürfnissen wüchse.
Denn welches Mittel bleibt noch der Natur übrig, um das überreichlich sich Aufdrängende zu bewältigen?
Nur das eine Mittel, es so leicht wie möglich anzunehmen, um es schnell wieder zu beseitigen und auszustoßen.
Daraus entsteht eine Gewöhnung, die wirklichen Dinge nicht mehr ernst zu nehmen,
daraus entsteht die »schwache Persönlichkeit«, zufolge deren das Wirkliche, das Bestehende
nur einen geringen Eindruck macht; man wird im Äußerlichen zuletzt immer läßlicher und bequemer
und erweitert die bedenkliche Kluft zwischen Inhalt und Form bis zur Gefühllosigkeit für die Barbarei,
wenn nur das Gedächtnis immer von neuem gereizt wird, wenn nur immer neue wissenswürdige Dinge hinzuströmen,
die säuberlich in den Kästen jenes Gedächtnisses aufgestellt werden können.

Die Kultur eines Volkes als der Gegensatz jener Barbarei ist einmal, wie ich meine, mit einigem Rechte, als Einheit des künstlerischen Stiles in allen Lebensäußerungen eines Volkes bezeichnet worden; diese Bezeichnung darf nicht dahin mißverstanden werden, als ob es sich um den Gegensatz von Barbarei und schönem Stile handele;
das Volk, dem man eine Kultur zuspricht, soll nur in aller Wirklichkeit [234] etwas lebendig Eines sein
und nicht so elend in Inneres und Äußeres, in In halt und Form auseinanderfallen.
Wer die Kultur eines Volkes erstreben und fördern will, der erstrebe und fördere diese höhere Einheit
und arbeite mit an der Vernichtung der modernen Gebildetheit zugunsten einer wahren Bildung,
er wage es, darüber nachzudenken, wie die durch Historie gestörte Gesundheit eines Volkes
wiederhergestellt werden, wie es seine Instinkte und damit seine Ehrlichkeit wiederfinden könne.

(Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen, "Vom Nutzen Und Nachteil der Historie für das Leben" 1874)



Feliks_D.
30. Apr 2012 08:51

Re

Wenn man "Brille" weiter denkt, wird mit Sicherheit eines Tages nicht nur der Name des Caffes, vor dem man steht, in der Optik erscheinen, sondern auch der des Gegenüber. Der gläserne Mensch ist nur eine Frage der Zeit. Durch die intensive Kommunikation werden Persönlichkeitsgrenzen immer mehr aufgehoben -kritischer Umgang mit persönlichen Daten verschwindet. Das Vertraulichkeitsgefühl (z.B. die umgehende Anrede mit "Du", nicht nur in Polit-Foren) nimmt zu und läßt uns die Gesellschaft immer mehr wie eine rießen große Community erscheinen.
Motorische Fähigkeiten und das sich hineindenken in komplitierte Technische Angelegenheiten nimmt zu. Ob der technische Fortschritt Objektivität, Kreativität und gar die Fähigkeit zum Autodidaktismus fördert, wage ich jedoch zu bezweifeln.
Durch Nachrichten, die Vermittlung von "Lebensgefühlen" und Kultur, die über I-Phones und Smart-Phones verstärkt vermittelt werden, ist es natürlich um so mehr eine Frage der gesellschaftlichen Einflußverhältnisse, wessen Denken vermittelt, wessen Interessen vertreten werden und wie diese Geräte letztendlich uns selber beeinflussen und was sie aus uns machen.