01. Jan 2012 18:21 Gibt es einen spezifischen Chathumor?Heute wollen wir die soziologisch nicht uninteressante Frage klären: Das zwingt uns zunächst zu definieren was wir unter Humor verstehen. Wie lässt sich das nun auf den Chathumor übertragen? Die Darstellung eigenen Leidens ist ja ein gängiges Muster in Chatcommunities. Hier gerät man aber in Konflikt mit einer bislang noch nicht dargestellten Verhaltensweise von Chattern, dem Imponiergehabe. Aus Gesagtem geht hervor, dass trotz der an sich hervorragenden Voraussetzungen für seine Entstehung, Humor im Chat eher eine Ausnahmeerscheinung bleiben wird. Das mag erklären, warum gerade in diesem Medium vorzugsweise die unverwechselbaren Ausdrucksformen der Heiterkeit wie ggg, gfg, lol, lach, so beliebt geworden sind. Denn sie lassen keine Zweifel zu und eröffnen selbst dem Unsensibelsten eine Anleitung wie die Äußerung zu verstehen ist. |
10. Mär 2012 14:04 reInteressant. Dieses Thema würde allerdings wahrscheinlich ganze Bücher füllen können. |
02. Apr 2012 22:22 Was ist Humor?Antwort auf Gibt es einen spezifischen Chathumor? von Never_seen_before
Völlig unabhängig von Freud und anderen "Analytikern des Humors" würde ich behaupten, dass es Humor an sich überhaupt nicht gibt. Jedenfalls nicht als eigenständige Komponente. Und ganz genauso ist es natürlich auch beim Chat-Humor. Beabsichtigter Humor, der vom Gegenüber nicht verstanden wird, entsteht gar nicht erst. Da helfen auch keine gg, gfg, lol und was es sonst noch so alles an "humorvollen" Interaktivitäten gibt. Meiner Meinung nach wäre es dafür nötig, nicht nur zwischen den Zeilen zu schreiben, sondern auch noch lesen zu können. |
02. Apr 2012 23:40 Deshalb sind professionelle Humoristenprivat zumeist todernste Menschen. Denn sie konstruieren ihre Satiren oder Witze ohne eine unmittelbare Reaktion des "Rezipienten" erwarten zu dürfen, denn der liest das Ganze vielleicht erst 3 Monate später. Ähnlich ist das ja auch hier im Chat, die Unmittelbarkeit der Antwortreaktion fehlt da ja vielfach, der Verfasser muß sich den Lacher beim Schreiben dazudenken. Es ist also (wie beim schreiben eines Buches) eine prognostizierte Reaktion des Publikums von Nöten, eine Art von Erwartungshaltung in die Auffassungsgabe der Leserschaft, die einem beim Schreiben leiten muß. Ich interagiere also nicht mit realen Menschen, sondern mit meiner eigenen Vorstellung wie sich reale Menschen verhalten könnten. Da hat es der Kabarettist auf der Bühne leichter, der- wenn er sich noch aufdie Kunst des spontanen Extemporierens versteht- unmittelbar auf seine Zuhörer reagieren kann. Der hat dann aber auch die Möglichkeit seinen Publikum Hilfestellungen fürs Lachen zu geben, durch dehnen , umbetonen, durch ein vertrauliches Absenken der Stimme, das dem Zuhörer vermittelt , "aufpassen, ich hab grad was lustiges gesagt". Genau das ist das Äquivalent zu gg, lol und wie das im heutigen Internetdeutsch alles heißen mag, der Tusch des Mainzer Karnevals als eine Regieanweisung zum Lachen. Gelten also für den Chathumor die Regeln des Buchautors wenn er Humor vermitteln möchte? Im Chat dagegen liest das u.U. ein Personenkreis, dem eine spezielle Art von Humor völlig fremd ist und der sich dann frägt "und das soll lustig gewesen sein?" Mein Lied ertönt der unbekannten Menge |
03. Apr 2012 13:24 rehumorDeine Definition, Humor nicht als eigenständiges Gebilde zu betrachten, sondern immer nur als das Ergebnis zwischenmenschlicher Kommunikation ist logisch und wird niemand bezweifeln. Wie sonst sollte er denn entstehen? > Aber nachdem die jeweiligen Blogs und Foren hier im > In deutschen Köpfen Tut mir leid. Aber das strotzt nur so vor Verallgemeinerung. "Hier im Internet" (?) ..... "in deutschen Köpfen" (??) Also so einfach kannst du es dir aber nicht machen. > Meiner Meinung nach wäre es dafür Genau! Das hab ich aber oben bereits beschrieben. Wenn die jeweiligen Persönlichkeiten zusammenpassen, dann wird das auch gelingen. Grüße |
03. Apr 2012 13:37 rehumor2Antwort auf Deshalb sind professionelle Humoristen von Never_seen_before >Ich interagiere also nicht mit realen Menschen, sondern mit meiner eigenen Vorstellung wie sich reale Menschen verhalten könnten. Ja. Vorausgesetzt, du reduzierst die Kommunikationsmöglichkeiten auf "unmittelbare (tête-à-tête)-Kommunikation" und eben die nicht verbale Unterhaltung. Aber bist du dir da so sicher, dass es nur diese beiden Möglichkeiten gibt? Zwei Menschen können sogar gänzlich ohne Worte miteinander harmonieren. Sie wissen, ob der andere lacht oder nicht. Sie fühlen es einfach. Das wird man niemals rational erklären können, es bedarf dafür sicherlich so etwas wie einer Seelenverwandschaft. Gruß |
03. Apr 2012 14:16 Ja das schonaber beim Schreiben kann ich mir nicht auch noch die Mimik und Gestik meines präsumtiven Publikums dazu denken. Ich habe äußerst geistreiche und witzige Schreiberlinge erlebt, die in einer persönlichen live Diskussion eher farblos und fade rüber kamen. Ebenso wie brilliante Vertreter des Sprechtheaters , in einem freien Gespräch, in dem sie ihre eigene Meinung vertreten sollen, auf einmal zu gräßlichen Stotterern werden können Der fiktive Leser ist wahrscheinlich auch nur meine Projektion in einen von mir herbeigesehnten Leser. Aber eigentlich sollte man ohnehin nur so schreiben wie es einem selbst entspricht und nicht wie man meint, dass es bei Lesern am besten ankommen könnte. |
03. Apr 2012 14:37 rehumor3>Aber eigentlich sollte man ohnehin nur so schreiben wie es einem selbst entspricht und nicht wie man meint, dass es bei Lesern am besten ankommen könnte. Ja. Das sehe ich überhaupt erst als Grundvoraussetzung für die Entstehung von Humor. Alles andere wirkt aufgesetzt und ist - zumindest in meinem Verständnis von Humor - nicht witzig. Beispiele für dieses aufgesetzte Verhalten hatte ich oben genannt. |
03. Apr 2012 14:48 Au ja ,Fein dass du das Telefonieren erwähnst. Ich hänge sehr am Phonetischen, ich habe immer herausposaunt , dass wenn ich eine Stimme höre ich auch den Menschen kenne der hinter dieser Stimme steht. Das war auch eine Zeit lang so und ich würde es auch heute noch in dieser Weise vertreten, wäre ich nicht bereits 2 mal auf die Nase gefallen. Da war dann die reale Person die ich getroffen habe ganz und gar nicht in Einklang zu bringen mit dem was ich hinter der Stimme vermutet hatte. Darum hab ich hier irgendwo vom Gesamtkunstwerk Mensch gesprochen, an dem die Stimme zwar einen großen Anteil hat, aber eben doch nicht alles ist. |
03. Apr 2012 15:01 rehumor4> Darum hab ich hier irgendwo vom Gesamtkunstwerk Mensch Das stimmt natürlich. Persönliche Kontaktaufnahme ist nach wie vor unbezahlbar und durch nichts zu ersetzen. Ich werde nicht zuletzt aus den genannten Gründen dem Internet immer kritisch gegenüber stehen. ...und seit ich gestern in einem Fernseh-Bericht erneut Zuckerbergs lachende Visage sehen musste, die von unumgehbaren, notwendigen technischen Innovationen, menschlichen Grundbedürfnissen und von Visionen berichtete, die mir das Blut in den Adern gefrieren lassen, werde ich umso mehr meine kritischen Standpunkte gegenüber dem Internet vertreten. Ich bin kein Schwarzmaler, aber die Entwicklung ist keine gute. |