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: Gibt es einen spezifischen Chathumor?
Never_seen_before
01. Jan 2012 18:21

Gibt es einen spezifischen Chathumor?

Heute wollen wir die soziologisch nicht uninteressante Frage klären:
"Gibt es einen spezifischen Chathumor?"

Das zwingt uns zunächst zu definieren was wir unter Humor verstehen.
Da gibt es die zunächst sehr allgemeine Formulierung, dass Humor all jenes ist, was uns zum Lachen bringen kann.
Glaubt man Freud, dann zeichnet sich Humor im Gegensatz zum Witz durch eine Aufarbeitung eigener Schwächen aus, er ist aus Leid geboren und der Lustgewinn ergibt sich aus der Überwindung des Leides durch eine Überzeichnung die uns zum Lachen bringt.
"Humor ist eine Flucht vor der Verzweiflung, ein knappes Entkommen in den Glauben." beschreibt es Christopher Fry.

Wie lässt sich das nun auf den Chathumor übertragen?

Die Darstellung eigenen Leidens ist ja ein gängiges Muster in Chatcommunities.
Das fängt schon damit an, wie heiß es gerade im Büro ist und dass man jetzt viel lieber an einem Badesee wäre.
Oder es verkündet einer er würde sich jetzt einen Kaffee runterdrücken, ein anderer antwortet leiderfüllt, das würde er auch gern tun, aber die Kaffeemaschine hätte gerade ihren Geist aufgegeben.
Unendlich viele weibliche Chatter leiden unter der Lieblosigkeit der meisten Männer und ihrem oft sehr zielorientierten Umgang mit Frauen.
So gesehen ist der Chat also ein Ort unsäglicher Leiden und sollte daher geradezu eine Schatztruhe des Humors sein.
Um aber aus dem Leiden selbst Humor zu gebären, bedarf es der Überhöhung der Leidensschilderung. Dazu ist das Element der Selbstironie ganz entscheidend. Humor fängt also mit dem Mut an, sich über sich selbst lustig machen zu können.

Hier gerät man aber in Konflikt mit einer bislang noch nicht dargestellten Verhaltensweise von Chattern, dem Imponiergehabe.
Die positive Selbstdarstellung ist ein wesentliches Element der Beziehungsanbahnung, und ist im Chat geradezu überlebenswichtig. Schließlich bewegen sich ja die wenigsten völlig wertfrei in einem Chatraum, für die meisten stellt ein solches Forum ja eine Bühne für die Aquisition von sexuellen Kontakten dar.
Und so bedeutet das über sich selbst lustig Machen für viele eine Einbuße der persönlichen Attraktivität. Man muss sich der Wirkung seines "Humors" schon sehr sicher sein, denn unverstanden führt eine solche Selbstbeschädigung zur Verminderung der eigenen Chancen. Denn wer kann sich, in einer so kurzlebigen multiplen Dialogform, wie sie ein Chat darstellt schon sicher sein, dass das Publikum zwischen Eingeständnis eigener Unzulänglichkeit und Humor tatsächlich unterscheiden kann.

Aus Gesagtem geht hervor, dass trotz der an sich hervorragenden Voraussetzungen für seine Entstehung, Humor im Chat eher eine Ausnahmeerscheinung bleiben wird. Das mag erklären, warum gerade in diesem Medium vorzugsweise die unverwechselbaren Ausdrucksformen der Heiterkeit wie ggg, gfg, lol, lach, so beliebt geworden sind. Denn sie lassen keine Zweifel zu und eröffnen selbst dem Unsensibelsten eine Anleitung wie die Äußerung zu verstehen ist.
Gäbe es aber einen Humor mit Unverwechselbarkeitszertifikat, die Chats auf aller Welt würden von Gelächter widerhallen..



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gunni72 männlich
Gunnar
10. Mär 2012 14:04

re

Interessant. Dieses Thema würde allerdings wahrscheinlich ganze Bücher füllen können.
Was wir als komisch empfinden und was nicht entscheidet letztendlich natürlich unsere Persönlichkeit. Um es mal im Extremen zu verdeutlichen: Eine ausgewachsene Persönlichkeit lacht mit Sicherheit über andere Dinge als ein drei jähriges Kind. Ich selbst habe mir auch schon oft überlegt, was Humor ist und warum wir lachen. Ich denke, wir lachen in erster Linie aus Erleichterung! Wir alle sind Individuen auf einem langen Weg der Entwicklung. Was wir am meisten dabei fürchten ist die Ausgrenzung, das Alleingelassenwerden. Finden wir nun Dinge witzig, über die auch andere Menschen lachen können, so verspüren wir Erleichterung und lachen mit. Auch Begebenheiten oder Missgeschicke, die anderen wiederfahren und in denen wir uns wieder erkennen, geben uns das Gefühl: "Hey, dem passiert's ja auch" und wir lachen. Nehmen wir da als Beispiel ruhig mal das Marmeladenbrot, welches immer auf die Marmeladenseite fällt. Erzählt uns ein anderer Mensch davon, signalisiert das dem Gehirn: Diesen Menschen beschäftigen genau die gleichen Dinge wie mich selbst auch. Ich bin nicht allein damit. Und wir lachen.
Zum Chat: Über den chateigenen Humor könnte man vermutlich ganze wissenschaftliche Abhandlungen verfassen. Dadurch, dass dem Nutzer emotionale Merkmale wie Gestiken oder Mimiken fehlen, bedient er sich in vermehrtem Maße der Inflektive, also der Lautschrift (lach*, grins* , träum* usw.). Durch diese deverbale Reduktion werden Gefühlsregungen angezeigt, welche ansonsten nicht vermittelbar wären. Ich glaube, dass sie ein wesentliches Merkmal des chateigenen Humors sind. Soviel zur Sprache an sich.
Der eigentliche Chat-Humor jedoch, also seine Entstehung und seine Ausprägungen, im Endeffekt seine Verlaufsform, ist fast immer gleich und wirkt ein wenig aufgesetzt und verspielt. Häufig werden einzelne Worte seines Satzes als Anlass genommen, auf einen anderen (nicht selten obszönen) Sachverhalt anzuspielen. (Beispiel: "Ich mache mir mal eben eine Hühnersuppe" Antwort "Pass auf, dass sie dir nicht wegfliegt!" oder ein anderes, sehr abgedroschenes aber immer aktuelles Beispiel "Ich muss mal eben raus. Ich komme aber gleich wieder" Antwort "Du kannst ruhig in mir kommen"). Diese Formen des Witzes wirken meist pubertär und sind äußerst kurzweilig. Bereits die nächste Antwort darauf könnte neuen Nährstoff für eine Anspielung geben und die Kette wird so fortgesetzt. In Anbetracht der begrenzten Möglichgkeiten innerhalb des Chats ist die Wahl soclh humoristischer Einlagen jedoch konsequent und angepasst.
Der Idealfall, dass sich zwei Menschen innerhalb eines Chatgespräches praktisch blind vestehen und so auf Inflektive und deren emotional übersteuerte Darstellung ("looooool", "sfg" usw.) verzichten könnten, ist meines Erachtens (verständlicherweise) eher selten. Aber es gibt ihn. Wie gesagt, alles eine Frage der individuell ausgeprägten Persönlichkeiten, welche ja im Chat in unendlich vielen Variationen vertreten sind.



02. Apr 2012 22:22

Was ist Humor?

Antwort auf Gibt es einen spezifischen Chathumor? von Never_seen_before

"Gibt es einen spezifischen Chathumor?"

Das zwingt uns zunächst zu definieren was wir unter Humor verstehen.
Da gibt es die zunächst sehr allgemeine Formulierung, dass Humor all jenes ist, was uns zum Lachen bringen kann.
Glaubt man Freud, dann...

Völlig unabhängig von Freud und anderen "Analytikern des Humors" würde ich behaupten, dass es Humor an sich überhaupt nicht gibt. Jedenfalls nicht als eigenständige Komponente.
Genau wie jede andere Variante zwischenmenschlicher Kommunikation benötigt der Humor nämlich zwingend einen Rezipienten, der ihn versteht und somit kann Humor niemals für sich alleine bestehen, sondern immer nur als eine Interaktion zwischen mindestens zwei beteiligten Personen: Einem "Sender" und einem (oder mehreren "Empfängern."
Ob diese Interaktion auf mimischer, gestischer oder verbaler Basis erfolgt, das halte ich für relativ nebensächlich.
Humoristische Äußerungen, die nicht (oder nur unzureichend) verstanden werden, bleiben bestenfalls solche Äußerungen, aber niemals wird daraus Humor entstehen. Verschärfte Varianten wie Ironie, Satire oder gar Zynismus schon gar nicht.

Und ganz genauso ist es natürlich auch beim Chat-Humor. Beabsichtigter Humor, der vom Gegenüber nicht verstanden wird, entsteht gar nicht erst. Da helfen auch keine gg, gfg, lol und was es sonst noch so alles an "humorvollen" Interaktivitäten gibt. Meiner Meinung nach wäre es dafür nötig, nicht nur zwischen den Zeilen zu schreiben, sondern auch noch lesen zu können.
Aber nachdem die jeweiligen Blogs und Foren hier im Internet ohnehin nicht gerade ein Ausbund an Empathie und gegenseitigem Verständnis sind, stehen naturgemäß die Chancen überaus schlecht, dass dieser sogenannte "Chat-Humor" überhaupt entstehen kann. In deutschen Köpfen scheint nämlich das eigene Ehrgefühl weitaus besser ausgeprägt zu sein als jegliches Verständnis für Humor. Von weiterführenden Varianten wollen wir lieber ganz bescheiden schweigen.
Fazit: Die Antwort auf diese Frage kann also (von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen) nur ein klares "Nein" sein.



Never_seen_before
02. Apr 2012 23:40

Deshalb sind professionelle Humoristen

privat zumeist todernste Menschen.

Denn sie konstruieren ihre Satiren oder Witze ohne eine unmittelbare Reaktion des "Rezipienten" erwarten zu dürfen, denn der liest das Ganze vielleicht erst 3 Monate später.

Ähnlich ist das ja auch hier im Chat, die Unmittelbarkeit der Antwortreaktion fehlt da ja vielfach, der Verfasser muß sich den Lacher beim Schreiben dazudenken. Es ist also (wie beim schreiben eines Buches) eine prognostizierte Reaktion des Publikums von Nöten, eine Art von Erwartungshaltung in die Auffassungsgabe der Leserschaft, die einem beim Schreiben leiten muß. Ich interagiere also nicht mit realen Menschen, sondern mit meiner eigenen Vorstellung wie sich reale Menschen verhalten könnten.

Da hat es der Kabarettist auf der Bühne leichter, der- wenn er sich noch aufdie Kunst des spontanen Extemporierens versteht- unmittelbar auf seine Zuhörer reagieren kann. Der hat dann aber auch die Möglichkeit seinen Publikum Hilfestellungen fürs Lachen zu geben, durch dehnen , umbetonen, durch ein vertrauliches Absenken der Stimme, das dem Zuhörer vermittelt , "aufpassen, ich hab grad was lustiges gesagt". Genau das ist das Äquivalent zu gg, lol und wie das im heutigen Internetdeutsch alles heißen mag, der Tusch des Mainzer Karnevals als eine Regieanweisung zum Lachen.

Gelten also für den Chathumor die Regeln des Buchautors wenn er Humor vermitteln möchte?
Eigentlich nur bedingt. Ein humoristisches Buch kauft man sich weils einem empfohlen wurde , man eine Rezension gelesen hat, in der die Art des darin vermittelten Humors beschrieben ist, oder weil man den Schreibstil des Autors kennt, die Zahl der "zufälligen" Leser ist eher klein. Einer dem diese Art von Humor nicht gefällt kauft sich das erst gar nicht.

Im Chat dagegen liest das u.U. ein Personenkreis, dem eine spezielle Art von Humor völlig fremd ist und der sich dann frägt "und das soll lustig gewesen sein?"
So gesehen gibt es zumindest von Seiten des Autors eine spezifischen Chathumor.

Mein Lied ertönt der unbekannten Menge
Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang



gunni72 männlich
Gunnar
03. Apr 2012 13:24

rehumor

Antwort auf Was ist Humor? von Minotauros

Deine Definition, Humor nicht als eigenständiges Gebilde zu betrachten, sondern immer nur als das Ergebnis zwischenmenschlicher Kommunikation ist logisch und wird niemand bezweifeln. Wie sonst sollte er denn entstehen?

> Aber nachdem die jeweiligen Blogs und Foren hier im
> Internet ohnehin nicht gerade ein Ausbund an Empathie und
> gegenseitigem Verständnis sind

> In deutschen Köpfen
> scheint nämlich das eigene Ehrgefühl weitaus besser
> ausgeprägt zu sein als jegliches Verständnis für Humor.

Tut mir leid. Aber das strotzt nur so vor Verallgemeinerung. "Hier im Internet" (?) ..... "in deutschen Köpfen" (??)

Also so einfach kannst du es dir aber nicht machen.

> Meiner Meinung nach wäre es dafür
> nötig, nicht nur zwischen den Zeilen zu schreiben, sondern
> auch noch lesen zu können.

Genau! Das hab ich aber oben bereits beschrieben. Wenn die jeweiligen Persönlichkeiten zusammenpassen, dann wird das auch gelingen.

Grüße



gunni72 männlich
Gunnar
03. Apr 2012 13:37

rehumor2

Antwort auf Deshalb sind professionelle Humoristen von Never_seen_before

>Ich interagiere also nicht mit realen Menschen, sondern mit meiner eigenen Vorstellung wie sich reale Menschen verhalten könnten.

Ja. Vorausgesetzt, du reduzierst die Kommunikationsmöglichkeiten auf "unmittelbare (tête-à-tête)-Kommunikation" und eben die nicht verbale Unterhaltung.

Aber bist du dir da so sicher, dass es nur diese beiden Möglichkeiten gibt? Zwei Menschen können sogar gänzlich ohne Worte miteinander harmonieren. Sie wissen, ob der andere lacht oder nicht. Sie fühlen es einfach. Das wird man niemals rational erklären können, es bedarf dafür sicherlich so etwas wie einer Seelenverwandschaft.

Gruß



Never_seen_before
03. Apr 2012 14:16

Ja das schon

aber beim Schreiben kann ich mir nicht auch noch die Mimik und Gestik meines präsumtiven Publikums dazu denken.

Ich habe äußerst geistreiche und witzige Schreiberlinge erlebt, die in einer persönlichen live Diskussion eher farblos und fade rüber kamen. Ebenso wie brilliante Vertreter des Sprechtheaters , in einem freien Gespräch, in dem sie ihre eigene Meinung vertreten sollen, auf einmal zu gräßlichen Stotterern werden können

Der fiktive Leser ist wahrscheinlich auch nur meine Projektion in einen von mir herbeigesehnten Leser. Aber eigentlich sollte man ohnehin nur so schreiben wie es einem selbst entspricht und nicht wie man meint, dass es bei Lesern am besten ankommen könnte.
Wer von dieser Eitelkeit frei ist, der werfe den ersten Stein.



gunni72 männlich
Gunnar
03. Apr 2012 14:37

rehumor3

>Aber eigentlich sollte man ohnehin nur so schreiben wie es einem selbst entspricht und nicht wie man meint, dass es bei Lesern am besten ankommen könnte.

Ja. Das sehe ich überhaupt erst als Grundvoraussetzung für die Entstehung von Humor. Alles andere wirkt aufgesetzt und ist - zumindest in meinem Verständnis von Humor - nicht witzig. Beispiele für dieses aufgesetzte Verhalten hatte ich oben genannt.
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass sich Leute im Chat nicht viel anders verhalten als in einer persönlichen Unterhaltung. Der Geist einer Persönlichkeit dringt durch den Chat und erreicht uns auch auf diese Art und Weise. Man formt sich eine Art inneres Bild von dem Gegenüber. Ob das dann tatsächlich von der eigentlichen Person abweicht, kann ich nicht beurteilen. Ich habe noch keinen Chatter persönlich getroffen. Aber ich habe schon mit diversen von ihnen telefoniert. Und siehe da: Mein Gefühl hatte mich nicht betrogen. Die Sprechweise, die Stimme....das alles stimmte größtenteils mit meiner Vorstellung überein. Und daher denke ich, dass trotz der Kommunikations-Hindernisse auch Humor durch den Chat weitergegeben werden kann.
Schwieriges aber gutes Thema.



Never_seen_before
03. Apr 2012 14:48

Au ja ,

Fein dass du das Telefonieren erwähnst.

Ich hänge sehr am Phonetischen, ich habe immer herausposaunt , dass wenn ich eine Stimme höre ich auch den Menschen kenne der hinter dieser Stimme steht. Das war auch eine Zeit lang so und ich würde es auch heute noch in dieser Weise vertreten, wäre ich nicht bereits 2 mal auf die Nase gefallen.

Da war dann die reale Person die ich getroffen habe ganz und gar nicht in Einklang zu bringen mit dem was ich hinter der Stimme vermutet hatte.
Zu meinem Glück hat das beide Male auf Gegenseitigkeit beruht, sodaß ich keine unerfüllte Hoffnungen hinterlassen mußte.

Darum hab ich hier irgendwo vom Gesamtkunstwerk Mensch gesprochen, an dem die Stimme zwar einen großen Anteil hat, aber eben doch nicht alles ist.



gunni72 männlich
Gunnar
03. Apr 2012 15:01

rehumor4

> Darum hab ich hier irgendwo vom Gesamtkunstwerk Mensch
> gesprochen, an dem die Stimme zwar einen großen Anteil
> hat, aber eben doch nicht alles ist.

Das stimmt natürlich. Persönliche Kontaktaufnahme ist nach wie vor unbezahlbar und durch nichts zu ersetzen. Ich werde nicht zuletzt aus den genannten Gründen dem Internet immer kritisch gegenüber stehen.

...und seit ich gestern in einem Fernseh-Bericht erneut Zuckerbergs lachende Visage sehen musste, die von unumgehbaren, notwendigen technischen Innovationen, menschlichen Grundbedürfnissen und von Visionen berichtete, die mir das Blut in den Adern gefrieren lassen, werde ich umso mehr meine kritischen Standpunkte gegenüber dem Internet vertreten.

Ich bin kein Schwarzmaler, aber die Entwicklung ist keine gute.